Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

386  Nalien.  (Dezember  10.—17.)

lichen  Gewalt  hat  durch  Dekret  stattgefunden.  Allerdings  weiß  die  Geschichte
der  parlamentarischen  Staaten  von  Usurpierungen  der  ausübenden  Gewalt
seitens  der  Parlamente;  aber  der  Mißbrauch  hat  sich  stets  gerächt;  die.  Verfassungen,
  welche  dies  zuließen,  waren  nicht  lebensfähig.  Die  Parlamente
konnen  nicht  dabei  gewinnen,  wenn  sie  ihre  Sphäre  überschreiten.  Ich  glaubte
früher  an  die  Moglichkeit  der  Verminderung  der  Ministerien;  es  war  ein
Irrtum.  Die  Arbeitsteilung  ist  auch  auf  diesem  Gebiete  nötig  und  förderlich.
  Am  besten  wäre  es,  wenn  durch  Aufhebung  des  Art.  3  des  Gesetzes
vom  30.  Juni  1878  der  Krone  das  Recht  zurückgegeben  würde,  die  Zahl
der  Minister  zu  modifizieren.  Nur  anarchische  Parlamente  bestreiten  den
Grundsatz,  auf  dem  dieses  Recht  beruht.  Die  Kammern  haben  Gesetze  zu
geben;  sie  haben  der  ausübenden  Gewalt  volle  Freiheit  in  der  Anwendung
der  Gesetze  zu  lassen  und  sich  mit  der  Verantwortlichkeit  der  Minister  zu  begnügen.“


Die  Rede  hinterläßt  einen  tiefen  Eindruck.

10.  Dezember.  (Tripolis.)  Kammer:  Franchetti  interpelliert
  Crispi  über  die  aus  verschiedenen  Veröffentlichungen  hervorgehenden
  Versuche  Frankreichs,  das  Gebiet  von  Tunis  auf  Kosten
von  Tripolis  zu  erweitern.  Er  schlägt  die  Herbeiführung  einer  vertragsmäßigen
  Bestimmung  der  Grenzen  vor.

Crispi  antwortet:

Italien  sei  durch  Verträge  verpflichtet,  die  territoriale  Integrität
des  osmanischen  Reiches  aufrechtzuhalten.  Die  Regierung  habe  neuerdings
erfahren,  daß  Frankreich  längs  der  tripolitantischen  Grenze  Befestigungen
anlege  und  Grenzberichtigungen  vornehme,  wobei  eine  Veränderung  der  Grenze
stattgefunden  zu  haben  scheine.  Dies  werde  allerdings  geleugnet,  und  es
sei  behauptet  worden,  die  Grenze  werde  auf  Grund  einer  Konvention  mit
der  Türkei  neu  festgestellt.  Auf  eine  bezügliche  Anfrage  in  Konstantinopel
habe  Italien  die  Anwort  erhalten,  daß  eine  solche  Konvention  nicht  bestehe.
Der  Minister  schließt:  er  sei  überzeugt,  daß  Niemand  daran  denke,  das  Gleichgewicht
  im  Mittelmeere  zu  stören.  Sollte  dies  dennoch  von  irgendeiner
Seite  versucht  werden,  so  werde  Italien  in  Gemeinschaft  mit  den  anderen
interessierten  Mächten  seine  Pflicht  zu  thun  wissen.

17.  Dezember.  (Finanzen.)  Kammer:  Der  Finanzminister
Magliani  gibt  ein  Exposé  der  Finanzlage.

Die  Gebahrung  des  Finanzjahres  1886/87  schließt  mit  einem  Ueberschuß
  der  Einnahmen  über  die  Effektivausgaben  von  7  Millionen,  gegen
die  Voranschläge  ergibt  sich  eine  Besserung  von  12  Millionen;  die  Vermehrung
  sei  den  Einnahmen  und  realisierten  Ersparungen  zu  verdanken.  Wäre
die  Cholera  im  Lande  nicht  aufgetreten,  so  wäre  die  Zunahme  der  Einnahmen
eine  größere.  Ohne  die  Beschleunigung  der  Rüstungen  und  die  Entsendung
von  Verstärkungen  nach  dem  roten  Meere  würden  die  Ersparungen  noch  beträchtlicher
  sein.  Einschließlich  der  Besserung  der  Steuerrückstände  von  2  3/10
Millionen  zeigt  der  Rechnungsabschluß  des  abgelaufenen  Finanzjahres  einen
Gesamtgewinn  von  14  Millionen.  Die  Gebahrung  von  1887/88  betreffend
erinnert  der  Minister  daran,  daß  troß  des  beträchtlichen  Anwachsens  der  Ausgaben
ein  in  Ausgaben  und  Einnahmen  balanzierendes  Budget  vorgelegt  würde.  Infolge
weiterer  Zunahme  der  Erfordernisse  um  118  Millionen  verbleiben  70  Millionen
  zu  bedecken,  welche  durch  wesentlich  tranfitorische  Verhältnisse  notwendig
  werden.  Für  den  Ausfall  von  70  Millionen  sollen  Obligationen