Full text: Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge.

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nichts verderben lassen wollten. Es hieß dann: „Mr wulln när noch 
emol hiegehe, dä'’'r hoot noch net ganz raus.“ Die Gläser wanderten 
von dem einen zum anderen. Außer Bier bot der jeweilige „Wirt“ auch 
verschiedene Speisen, so Knackwürstchen, geräucherte Heringe, Bierkuchen, 
ein Bündel Heu, d. h. Butter, Brot und Käse, u. a. In der Fastenzeit 
stellte sich auch der Brezeljunge ein. Am letzten Tage wurde den 
Gästen „der Zapfen gegeben“, sie erhielten umsonst Brot, Wurst und Hering. 
Der alte Brauch des Reiheschanks besteht meines Wissens noch in 
Schn. und in Neu. Doch soll auf Beschluß des Obererzgebirgischen 
Gastwirtsverbandes an die Kreishauptmannschaft eine Beschwerdeschrift 
über die sanitären Verhältnisse in den Reiheschänken zu Schneeberg ge- 
richtet und um Abhilfe der vorhandenen Ubelstände nachgesucht, auch 
unter Umständen der Oberverwaltungsgerichtshof angerufen werden. 
VIII. andwirtschaftliche Gebräuche. 
Eebräuche beim Ackerban. (Vgl. hierzu M. 217 ff. Mo.1 312 ff.) 
Des Landmanns schönste Hoffnung ist ein reicher Ernteertrag. 
Wie oft aber wird sein Hoffen zu Schanden, bleibt der gehoffte Ernte- 
ertrag hinter seinen Erwartungen zurück, ist all das Mühen arbeitsvoller 
und sorgenschwerer Wochen umsonst gewesen, wenn elementare Natur- 
gewalten vernichtend auftraten. Und bleiben diese auch aus, sieht der 
Bauer die Frucht seines Fleißes sich immer mehr und mehr entwickeln, 
so ist es wiederum allerlei dämonisches Walten in der Natur, das ihn 
mit hanger Sorge beschleicht. „Nach altem Volksglauben kamen mit der 
wiederkehrenden Sonne auch zugleich die schädigenden und krankheit- 
bringenden Dämonen ins Land, und diese mußten gleich bei dem Ein- 
tritte des Frühlings abgewehrt werden, damit sie auf den Feldern keinen 
Schaden anstifteten, zu deren Bestellung man sich eben anschickte.“ Und 
ebenso kamen nach altem Glauben zur Zeit des Hochsommers, wenn 
alles in üppigster Blüte stand und seiner Reife entgegenging, wiederum 
schädigende Dämonen, die die Luft verpesteten und so Seuchen und Un- 
wetter brachten. In diesem alten Glauben wurzeln ja auch die Oster- 
und Johannisfeuer (s. S. 195. 205). Aber auch durch noch manch andern 
der- kun folgenden Bräuche schimmert altgermanische Dämonenfurcht 
hindurch. 
a. Saat und Ernte. 
Das Säen. Noch ehe der Landmann seinen Samen ausstreut, 
will er wissen, ob ein gutes Getreidejahr kommen, welche Getreideart 
am besten gedeihen wird (vgl. S. 152. 182). Das Samenkorn darf 
nicht in den Internächten zubereitet werden (M.). Bei der Aussaat 
sind Tag und Stunde, sowie die Gestirne zu beachten. Beliebte Säetage 
sind der Mittwoch und der Sonnabend, verpönt dagegen ist der Freitag.
	        
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