46 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 2.)
englischer Seite neuerdings vorwiegend und fast ausschließlich in der Form
schriftlicher Noten betrieben wird, also in der Gestalt von Noten, die in
London redigiert werden, deren Text hierher geschickt wird, von dem hiesigen
englischen Botschafter unterschrieben und mir dann der Form nach vorgelesen,
eingehändigt oder in Abschrift belassen wird, je nachdem der Inhalt
der Note ist. Aber im ganzen ist es eine Korrespondenz, der ähnlich, wie
eine Privatkorrespondenz vom Schreiber zum Empfänger direkt schriftlich geht,
fertig abgeschlossen, ohne Möglichkeit, etwas zu ändern auf Grund des Eindrucks,
den sie etwa macht, und bei der der Botschafter nur die Rolle des
Ueberbringers hat. Jeder andere Beamte würde das auch thun können; ja
die Post würde die Note mit derselben Sicherheit besorgen wie die Botschaft,
wie die Diplomatie. Wenn dieses System das zweckmäßige ist, dann ist unsere
ganze kostspielige Diplomatie überflüssig (hört! hört! Heiterkeit rechts),
dann kann der Weltpostverein, mein Herr Kollege Stephan, den sämtlichen
diplomatischen Verkehr in seine Hand nehmen. (Heiterkeit rechts.) Ich habe
aber oft gefunden, daß es für das Verständnis unter Kabinetten nützlich ist,
wenn man Geschäfte machen will, zunächst dem eigenen Vertreter den Auftrag
zu geben, mündlich zu sondieren, welches die Aufnahme einer Eröffnung
sein wird; ist sie ungünstig, kann man unter Umständen die Sache fallen
lassen, modifizieren oder, wenn man glaubt, es muß sein, sagen: wir werden
es doch thun in irgend einer Form, ihr müßt euch dazu stellen in irgend
einer Weise. Auf die Art bereitet man auf die Sache vor, und man kommt
ohne Schwierigkeiten über eine Sache hinüber, die, wenn man sie fertig,
schriftlich einer fremden Regierung mit der Post zuschickt, für dieselbe empfindliche
Dornen haben kann, auf die man beim Schreiben gar nicht gerechnet.
Es gehört schon eine ungewöhnlich genaue Kenntnis des fremden Hofes,
der Leitung der fremden Politik dazu, wie sie die meisten Staaten wohl
nicht haben, um mit Sicherheit die Wirkung einer geschriebenen Mitteilung
vorher zu berechnen. Der Botschafter an Ort und Stelle ist eher in der
Lage, anzufühlen und vorzubereiten.
Ich halte also den mündlichen Verkehr für zweckmäßig; von englischer
Seite wird der schriftliche vorgezogen. Wir haben seit dem vorigen Sommer
an Noten — ich habe die Ziffer feststellen lassen, weil es mir auffiel, daß
es so sehr viele waren; ich muß jede solche Note beantworten, und ich überwache
die Redaktion selbst und prüfe sie; es hat mir viel Arbeit gemacht —
wir haben seit dem vorigen Sommer einhundert und — ich glaube achtundzwanzig
schriftliche Noten vom englischen Kabinet bekommen, die zusammen
zwischen 7 und 800 Seiten lang (hört! hört! rechts) und zu beantworten
waren. So viel haben wir von allen übrigen Regierungen in den 23 Jahren,
daß ich auswärtiger Minister bin, nicht bekommen. (Heiterkeit.) Jede
Nation und jede Regierung hat ja das Recht, die Geschäfte zu betreiben, wie
sie es nützlich hält, und es ist ja gewiß, daß eine auswärtige Politik, wenn
sie in gedruckten und veröffentlichten Noten betrieben wird, unter Umständen
auf das eigene Parlament einen tieferen, günstigeren Eindruck machen kann
als der mündliche, unbekannt bleibende Verkehr durch Diplomaten; aber man
läuft dann unwillkürlich Gefahr, einigermaßen auch für den Eindruck im
Parlament und nicht ausschließlich für den Eindruck auf die fremde Regierung
und für den Frieden, das gute Einvernehmen mit ihr zu schreiben.
Die Anspielungen, die in verschiedenen von England veröffentlichten
— und zum Theil zu meiner Überraschung veröffentlichten — Aktenstücken
enthalten sind, auf frühere Verhandlungen über Ägypten, und die in der
jüngsten Rede des Grafen Granville vorhanden sind, werden sich richtig stellen
durch das, was ich zu sagen im Begriff bin.
Ich habe niemals einen Rat über die Behandlung Ägyptens an die