124 Bedingungen der nationalen Erhaltung des Auslanddeutschtums
stärkste englische Auswanderermasse vom Mutterland geschieden. Manchmal
gewinnt es den Auschein, als ob die Vereinigten Staaten zu England
in ein ähnliches Verhältuis rücken könnten wie einst Karthago
zum phönizischen Stammland. Endlich könnte die vergleichende Abwägung
der Volkstreue des Auslanddeutschen und des Auslandengländers
erst nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in England
abschließend angestellt werden. Hinter dieser Bemerkung lauert kein
schnöder Verdacht, der dem Auslandengländer eine geringere vaterländische
Opferbereitschaft zutraut. Es soll nur scharf betont werden,
daß bislang das Festhalten der Staatsangehörigkeit dem Briten lediglich
Vorteile, ohne erschwerende Verpflichtungen einbrachte. — Bei alledem
wird jede unbefangene Betrachtung einräumen, daß im Durchschnitt
der Engländer einen kräftiger entwickelten Nationalsinn bekundete
als der Deutsche in früherer Zeit. Selbstsicherer nationaler Stolz
war ihm durch seine Erziehung in anderer Weise eingeimpft als gemeinhin
dem Deutschen in vergangenen Tagen.
Was hier ausgeführt ist, will die Vorgänge unserer Geschichte erklären,
nicht entschuldigen. Vor allem will es die Anklage vom Einzelneu
abwenden und sie hinlenken auf den traurigen Zustand des Ganzen:
auf die politische Ohnmacht des verfallenden alten Deutschen Reiches
und auf die unerquicklichen Verhältnisse im Innern der meisten Einzelstaaten.
Die national oft schlasse Haltung der Auslanddeutschen bot
ein vergrößertes Spiegelbild der unbestrittenen und sattsam gewürdigten
vaterländischen Verkümmerung daheim. Ein strafferes Gefühl für nationale
Ehre ist bei den Deutschen erst zum Durchbruch gekommen, seit
mit der Wiederaufrichtung eines starken und geachteten deutschen Staates
dem deutschen Nationalbewußtsein Ansporn, Kraft und Inhalt zurückgegeben
ward. Wer die Entwicklung des Auslanddeutschtums in dieser
neuen Epoche verfolgt, der gewahrt allerorten ein wundervolles Erwachen
aus nationalem Halbschlummer. Die aus der neuen Erhebung
unseres Volkes entsprungene Steigerung des nationalen Selbstbewußtseins
gibt sich ganz besonders nachdrücklich in unserem Auslanddeutschtum
kund, das sich derzeit als ein ebenso feinfühliger Anzeiger — wie
vordem des nationalen Tiefstandes — so jetzt des national aufstrebenden
Gefühls erweist, gerade wie einst in den Tagen der mittelalterlichen
Kaiserherrlichkeit. Heute fühlt auch der Auslanddeutsche sich stolz
als Abkömmling einer Nation, an deren Leistungen niemand in der
Welt achtlos vorübergehen kann.