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Der Vorgang in Friedrich-Wilhelmshafen und gleichzeitig damit stattgehabte Unruhen in der
Hansabucht lassen es auch für Kaiser-Wilhelmsland, wo die Lage der Weißen bisher als weit gesicherter
galt als im Bismarckarchipel, geraten erscheinen, ein wachsames Auge auf die Eingeborenen zu halten.
Am 13. August 1904 wurde die Missionsstation St. Paul im Lande des Baininger- Stammes
(Nordwesten der Gazellehalbinsel) von Eingeborenen überfallen und ausgeplündert. Alle dort befindlichen
Mitglieder der Mission vom Heiligen Herzen Jesu wurden in grausamer Weise ums Leben gebracht.
Die Mörder überfielen darauf die benachbarte Missionsstation Nacharunep, ermordeten den dort
stationierten Pater und plünderten endlich die Trappistenniederlassung Marienhöhe aus, deren Inhaber
an dem Tage abwesend war und diesem Umstand die Rettung seines Lebens zu danken hatte.
Bel diesen Ereignissen haben zwei Patres, drei Brüder und fünf Schwestern ihr Leben eingebüßt.
Die Strafe ist der Bluttat auf dem Fuße gefolgt. Sämtliche Mörder sind entweder bei den wieder-
holten gegen sie unternommenen Expeditlonen getötet oder nach Gefangennahme hingerichtet worden.
Eine große Zahl von Bainingern, die sich nur an der Plünderung der Misslonsstationen beteiligt hat,
ist zu Gefängnisstrafen verurteilt und zur Verbüßung nach Friedrich-Wilhelmshafen verbracht worden.
Die Baininger bilden einen Stamm, der ethnographisch von den übrigen bekannten Eingeborenenstämmen
der Gazellehalbinsel geschleden ist. Die Tat erscheint deshalb nicht als der Ausbruch einer weitver-
zweigten Bewegung gegen die deutsche Herrschaft oder die Weißen, sondern als ein Gewaltakt von
nur örtlicher Bedeutung. Dementsprechend haben sich die weißen Ansiedler der Gazellehalbinsel, nach-
dem sich die erste durch die Schreckenstat hervorgerufene Panik gelegt hatte, in ihrer Sicherheit nicht
weiter bedroht gefühlt.
Im Anfang d. J. hat die Mission vom Heiligen Herzen Jesu ihre Tätigkeit unter den Bainings
wieder aufgenommen und die Station St. Paul wieder bezogen.
Den vorgeschilderten bedauerlichen Ausschreitungen gegenüber ist hervorzuheben, daß das Gou-
vernement an manchen Stellen des Schutzgebiets mit Erfolg bemüht gewesen ist, friedliche Beziehungen
mit den Eingeborenen anzuknüpfen. Im Mai 1904 wurden Eingeborene der St. Matthiasgruppe, die
im Jahre vorher freiwillig nach Herbertshöhe mitgekommen waren, nach ihrer Heimat zurückgebracht.
Der kaiserliche Richter benutzte den Anlaß, um mit den Bewohnern von St. Matthias, die vor
einigen Jahren wegen der Vernichtung der Menkeschen Expedition bestraft werden mußten, in Verkehr
zu treten. Das Vertrauen der Eingeborenen ist in sichtlicher Junahme begriffen, elf fanden sich bereit,
mit dem Richter für längeren Aufenthalt nach Herbertshöhe zu gehen.
Im mittleren Teile Neu-Mecklenburgs in Namatanal wurde im April 1904 eine Regierungs-
station gegründet, deren wohltätige Wirkungen für den Landfrieden sich schon bemerkbar machen.
Trot der an verschiedenen Stellen stattgehabten Ruhestörungen ist die wirtschaftliche Tätigkeit
im Schutzgebiet vorwärts gegangen. Die Pflanzungen haben sich ständig erweitert und weisen eine
bestellte Fläche von rund 10 000 ha (zumeist Kokospalmen, daneben auch Kautschukpflanzen, Kaffee,
Kakao) auf.
Vor kurzem ist ein Gärtner ausgesandt, um die ersten Arbeiten für Einrichtung des Botanischen
Gartens an der vom Professor Dr. Preuß ausgesuchten Stelle am Simpsonhafen auszuführen.
Um die Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse im Schutzgebiet hat sich die Neuendettelsauer
Missionsgesellschaft dadurch ein besonderes Verdienst erworben, daß sie auf ihrer 970 m über dem
Meere gelegenen Station Sattelberg ein dreiräumiges Erholungshaus errichtet und sich zur Aufnahme
Erholungsbedürftiger gegen mäßige Verpflegungssätze bereit erklärt hat.
Der Norddeutsche Lloyd hat seine Bestrebungen, die Verkehrsverhältnisse des Schutzgebiets zu
verbessern, erfolgreich fortgesetzt. Um die das Schutzgebiet durchquerende subventionierte Linie (Singapore—
Schutzgebiet-Sydney) rentabler zu gestalten, ist als Endpunkt der Linie in Ostasien Dokohama gewählt,
so daß sie jetzt von Dokohama über Hongkong und das Schutzgebiet nach Sydney gefahren wird. Die
Hoffnung des Norddeutschen Lloyd, durch diese Umgestaltung der Linie einen Anteil an dem Fracht-
geschäft zwischen Japan und Australien zu gewinnen, hat sich bisher erfüllt. Von den Endpunkten