angenehme Aussicht haben, Herrn Erzberger noch
recht oft zu begegnen, so schlen es uns besser, ihn
schon heute nicht „ungeleitet“ gehen zu lassen, zu-
mal wir eine höhere Meinung von seiner Besserungs-
fähigkeit haben als er selbst und der Hoffnung leben,
daß es schließlich doch „was nützt".
Wenn Herr Erzberger sich über persönliche Ge-
hässigkeit beklagt, so bedauern wir nur, daß er nicht
mit der Salbung, die ihm so gut anstehen wird,
sobald er das Alter des Heißsporns überschritten
haben wird, für sich beansprucht, nach dem Worte
behandelt zu werden: „Was du nicht willst, das
man dir tu, das füg' auch keinem andern zu.“
Denn sehen wir mol zu, was Herr Erzberger andern
tut! Wenden wir da die Blätter seiner Broschüre
um, so finden wir „als Bilder aus der Kolontal-
verwaltung“ die Kapitel: „Der Fall Putikamer“,
„der Fall Horn und Besser“, „der Fall Kannenberg“,
„der Fall Thierry“, „der Fall Brandets-Kieme“ und
„einige weitere Fälle“. Nein, wirklich, Herr Erz-
berger, die „sogenannte kolonialfreundliche Presse“
hätte Sie nicht gehässig behandeln sollen, sie hätte
sich darauf verlassen sollen, daß wer die Hände so
oft und so gern ins — Unappetitliche taucht, sich
auch mal aus Versehen damit ins Gesicht, so Gott
will, sogar an die werte eigene Nase faßt und daß
er einen solchen Fleck nicht dadurch ungesehen machen
kann, daß er sich resolut die selbstgewundene Dornen-
krone auf das teure Haupt drückt.
Die Broschüre ist „Ganz Erzberger", b. h.
Taschenspielerei und tendenziöse Mache, soweit sich
nicht eine erheiternde Unwissenheit offenbart. Wir
greifen nur einiges heraus.
„Wir haben somit das seltsame Resultat vor
uns, daß das Reich für seine Kolonlalpolitik in
den letzten") 20 Jahren über 750 Millionen's)
Mark ausgegeben hat, der Gesamthandel aber
nicht einmal die Summe von 320 Millionen")
erreicht.“
Das heißt Logik! Nehmen wir an, Herr Erz-
berger hätte bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre
seinen Eltern 12 250 Mk. gekostet, ihnen aber nur
50 Pf. eingebracht — die ihm sein Papa in elnem
einzigen Falle von Unart als Strafe vom Taschen-
geld abgezogen haben mag —, so wäre erwiesen, daß
Herr Erzberger in seinem zwanzigsten Lebensjahre
nicht nur absolut nichts wert gewesen wäre, sondern
sogar mit 12 249 Mk. und 50 Pf. weniger als
nichts beim Schicksale zu Buch gestanden hätte.
*) Wenn Herr Erzberger geschrieben hälte „in den
ersten 20 #e so würde fatalerweise die Bilanz für
O eh
aba, Brasilien nicht besser aussehenn
*“) Darunter Kiautschau mit 86, der Südwest-Afrikanische
Aufstand mit 183, der Erwerb der Südseeinseln mit 17,
die China-Expedition mit 274 Millionen! Herr
Erzberger hat dabei die Ausgaben des Reichs für die
A Albrechts des Bären für die Kolonisation der
Mark Brandenburg, des Deutschen Ordens für die Ost-
preußens und des Groben Kurfürsten für die Westafrikas
noch nicht einmal mitgerechnet! "
548.
„Ja“, ruft Herr Erzberger schnell, „das war vor
12 Jahren! Aber seitdem habe ich nicht nur mein
Defizlt bezahlt, sondern bin sogar so wertvoll ge-
worden wie lauteres Gold!“ „Aber gewiß, Herr
Erzberger, das glauben wir ja gern! Für Sie,
wie — für die Kolonien!“
Daß behauptet wird,
„Wenn dem Hohen Hause nur ein kleines
Blld des Prügelunwesens in den Kolonien ent-
rollt würde oder der Behandlung, welche die
Eingeborenen zu erfahren haben, wenn sie eine
Gefängnisstrase abzubüßen haben — man würde
sich mit Entsetzen von diesem Bilde abwenden
müssen“, ·
daß behauptet wird,
„die Hauptursache des Aufstandes in Deutsch-
Ostafrika ist die Einführung des Arbeitszwanges",
daß behauptet wird
die unumgängliche und segensreiche „Bestimmung,
daß wenn die Hüttensteuer nicht mit 4 Mk. pro
Jahr bar bezahlt wird, Arbeit dafür zu leisten
ist, sei total verfehlt“ —
dies alles auf einer Seite (13)|/1 — wollen wir
nur erwähnen, um zu zeigen, wie im Erzbergerschen
Buche mit der Taschenspielerei immer die Unwissen-
heit anmutig wechselt. .
Dann wird eine Träne geweint, daß der Reichs-
tag so wenig mitzureden hat in der Kolonlal=
politik:
„Zweifelsohne steht fest (!), daß die Kolonien
weit bessere Rechtsnormen erhalten, wenn sie im
Wege der ordentlichen Gesetzgebung erfolgen. Die
Mitarbeit des Reichstages bietet sicherlich (1)
wertvolle Ergänzungen und Verbesserungen; nichts
wird überstürzt (Nein! sicher nicht! D. Rd.), und
in unsere Kolonlalpolitik kommt ein einheitlicher
Zug (der Verständnislosigkelt. D. Rd.) Materien,
zu denen im Mutterlande monatelange Arbeiten
nötig sind (— ohne daß etwas Gescheites dabei
herauskommt — D. Rd.), erledigt der Gouverneur
einfach durch einen Erlaß (Gott sei Dank! Weil
er seinen Kram versteht. D. Rd.), der dann aller-
dings in sehr vielen Fällen gar bald revidiert
werden muß.“
Ja, muß! Gewiß. Weil im Neulande alles im
Fluß ist und glücklicherweise „bewährte Vorgänge
für jeden Fall“ — wie für die heimische Verwaltung
— nicht existieren! Und das ist ja gerade der
Vortell, daß der Gouverneur sich prompt den schnell
veränderten Verhältnissen anpassen, schlimmstenfalls
sofort einen Irrtum gut machen kann, während die
wackelige Gesetzgebungsmaschine des Reichstags uns
an den Fehlern einer Session zugrunde gehen lassen
würde während der Dauer der folgenden. Und hier
wollen wir das Füchschen mit vollem Geläut stellen!
Soll das unsere Zukunft sein: Der Reichstag an
Stelle des Kaisers, Herr Erzberger in der Kommission
an Stelle des Staatssekretärs gebietend, wir Kolo-
nilalpioniere statt von einem Avantgardengeneral von