Full text: Deutsches Kolonialblatt. XVII. Jahrgang, 1906. (17)

angenehme Aussicht haben, Herrn Erzberger noch 
recht oft zu begegnen, so schlen es uns besser, ihn 
schon heute nicht „ungeleitet“ gehen zu lassen, zu- 
mal wir eine höhere Meinung von seiner Besserungs- 
fähigkeit haben als er selbst und der Hoffnung leben, 
daß es schließlich doch „was nützt". 
Wenn Herr Erzberger sich über persönliche Ge- 
hässigkeit beklagt, so bedauern wir nur, daß er nicht 
mit der Salbung, die ihm so gut anstehen wird, 
sobald er das Alter des Heißsporns überschritten 
haben wird, für sich beansprucht, nach dem Worte 
behandelt zu werden: „Was du nicht willst, das 
man dir tu, das füg' auch keinem andern zu.“ 
Denn sehen wir mol zu, was Herr Erzberger andern 
tut! Wenden wir da die Blätter seiner Broschüre 
um, so finden wir „als Bilder aus der Kolontal- 
verwaltung“ die Kapitel: „Der Fall Putikamer“, 
„der Fall Horn und Besser“, „der Fall Kannenberg“, 
„der Fall Thierry“, „der Fall Brandets-Kieme“ und 
„einige weitere Fälle“. Nein, wirklich, Herr Erz- 
berger, die „sogenannte kolonialfreundliche Presse“ 
hätte Sie nicht gehässig behandeln sollen, sie hätte 
sich darauf verlassen sollen, daß wer die Hände so 
oft und so gern ins — Unappetitliche taucht, sich 
auch mal aus Versehen damit ins Gesicht, so Gott 
will, sogar an die werte eigene Nase faßt und daß 
er einen solchen Fleck nicht dadurch ungesehen machen 
kann, daß er sich resolut die selbstgewundene Dornen- 
krone auf das teure Haupt drückt. 
Die Broschüre ist „Ganz Erzberger", b. h. 
Taschenspielerei und tendenziöse Mache, soweit sich 
nicht eine erheiternde Unwissenheit offenbart. Wir 
greifen nur einiges heraus. 
„Wir haben somit das seltsame Resultat vor 
uns, daß das Reich für seine Kolonlalpolitik in 
den letzten") 20 Jahren über 750 Millionen's) 
Mark ausgegeben hat, der Gesamthandel aber 
nicht einmal die Summe von 320 Millionen") 
erreicht.“ 
Das heißt Logik! Nehmen wir an, Herr Erz- 
berger hätte bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre 
seinen Eltern 12 250 Mk. gekostet, ihnen aber nur 
50 Pf. eingebracht — die ihm sein Papa in elnem 
einzigen Falle von Unart als Strafe vom Taschen- 
geld abgezogen haben mag —, so wäre erwiesen, daß 
Herr Erzberger in seinem zwanzigsten Lebensjahre 
nicht nur absolut nichts wert gewesen wäre, sondern 
sogar mit 12 249 Mk. und 50 Pf. weniger als 
nichts beim Schicksale zu Buch gestanden hätte. 
*) Wenn Herr Erzberger geschrieben hälte „in den 
ersten 20 #e so würde fatalerweise die Bilanz für 
O eh 
  
aba, Brasilien nicht besser aussehenn 
*“) Darunter Kiautschau mit 86, der Südwest-Afrikanische 
Aufstand mit 183, der Erwerb der Südseeinseln mit 17, 
die China-Expedition mit 274 Millionen! Herr 
Erzberger hat dabei die Ausgaben des Reichs für die 
A Albrechts des Bären für die Kolonisation der 
Mark Brandenburg, des Deutschen Ordens für die Ost- 
preußens und des Groben Kurfürsten für die Westafrikas 
noch nicht einmal mitgerechnet! " 
548. 
  
„Ja“, ruft Herr Erzberger schnell, „das war vor 
12 Jahren! Aber seitdem habe ich nicht nur mein 
Defizlt bezahlt, sondern bin sogar so wertvoll ge- 
worden wie lauteres Gold!“ „Aber gewiß, Herr 
Erzberger, das glauben wir ja gern! Für Sie, 
wie — für die Kolonien!“ 
Daß behauptet wird, 
„Wenn dem Hohen Hause nur ein kleines 
Blld des Prügelunwesens in den Kolonien ent- 
rollt würde oder der Behandlung, welche die 
Eingeborenen zu erfahren haben, wenn sie eine 
Gefängnisstrase abzubüßen haben — man würde 
sich mit Entsetzen von diesem Bilde abwenden 
müssen“, · 
daß behauptet wird, 
„die Hauptursache des Aufstandes in Deutsch- 
Ostafrika ist die Einführung des Arbeitszwanges", 
daß behauptet wird 
die unumgängliche und segensreiche „Bestimmung, 
daß wenn die Hüttensteuer nicht mit 4 Mk. pro 
Jahr bar bezahlt wird, Arbeit dafür zu leisten 
ist, sei total verfehlt“ — 
dies alles auf einer Seite (13)|/1 — wollen wir 
nur erwähnen, um zu zeigen, wie im Erzbergerschen 
Buche mit der Taschenspielerei immer die Unwissen- 
heit anmutig wechselt. . 
Dann wird eine Träne geweint, daß der Reichs- 
tag so wenig mitzureden hat in der Kolonlal= 
politik: 
„Zweifelsohne steht fest (!), daß die Kolonien 
weit bessere Rechtsnormen erhalten, wenn sie im 
Wege der ordentlichen Gesetzgebung erfolgen. Die 
Mitarbeit des Reichstages bietet sicherlich (1) 
wertvolle Ergänzungen und Verbesserungen; nichts 
wird überstürzt (Nein! sicher nicht! D. Rd.), und 
in unsere Kolonlalpolitik kommt ein einheitlicher 
Zug (der Verständnislosigkelt. D. Rd.) Materien, 
zu denen im Mutterlande monatelange Arbeiten 
nötig sind (— ohne daß etwas Gescheites dabei 
herauskommt — D. Rd.), erledigt der Gouverneur 
einfach durch einen Erlaß (Gott sei Dank! Weil 
er seinen Kram versteht. D. Rd.), der dann aller- 
dings in sehr vielen Fällen gar bald revidiert 
werden muß.“ 
Ja, muß! Gewiß. Weil im Neulande alles im 
Fluß ist und glücklicherweise „bewährte Vorgänge 
für jeden Fall“ — wie für die heimische Verwaltung 
— nicht existieren! Und das ist ja gerade der 
Vortell, daß der Gouverneur sich prompt den schnell 
veränderten Verhältnissen anpassen, schlimmstenfalls 
sofort einen Irrtum gut machen kann, während die 
  
wackelige Gesetzgebungsmaschine des Reichstags uns 
an den Fehlern einer Session zugrunde gehen lassen 
würde während der Dauer der folgenden. Und hier 
wollen wir das Füchschen mit vollem Geläut stellen! 
Soll das unsere Zukunft sein: Der Reichstag an 
Stelle des Kaisers, Herr Erzberger in der Kommission 
an Stelle des Staatssekretärs gebietend, wir Kolo- 
nilalpioniere statt von einem Avantgardengeneral von
	        
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