92 Denisqes Rei. Januar 31.)
schwiegen, daß es die Mobilmachung Rußlands war, welche in Wirklichkeit
den Krieg unvermeidlich gemacht und allen Vermittlungsversuchen ein jähes
Ende bereitet hat. So also verhält es sich in Wahrheit mit dem Streben
Deutschlands nach der Weltherrschaft, mit der Eroberungssucht der Mittelmächte,
mit dem heimtückischen Ueberfall friedlicher Nachbarn, der im
Namen der Gerechtigkeit mit schwerer Buße gestraft werden soll. Deutschland
muß bestraft und es sollen insbesondere die kleinen Staaten in Zukunft
vor ähnlichen Vorkommnissen geschützt werden. Schutz den kleinen
Staaten! Das wagt man in England als Ziel des Krieges auszugeben,
wo das ganze ungeheure britische Weltreich auf der Vergewaltigung kleiner
Staaten ausgebaut ist, wo das an Irland begangene, jahrhundertealte
Unrecht noch heute nach Sühne schreit! Das wagt die Entente als Kriegsziel
hinzustellen, in dem Augenblicke, wo sie das wehrlose Griechenland
an Händen und Füßen fesselt, um es ihrem Willen dienstbar zu machen.
Glaubt man durch solche unwahre Behauptungen und falsche Vorspiegelungen
Eindruck bei den neutralen Staaten zu machen, so kommt dazu des
weiteren noch die Spekulation auf die Erregung von Uneinigkeit im Lager
der Mittelmächte und ihrer Verbündeten. Allzu deutlich ist diese Absicht,
wenn immer aufs neue, wie noch kürzlich in einer Rede des englischen
Premierministers, von preußischer Herrschaft, preußischer Militärkaste,
preußischer Drohung gesprochen wird. Wir glauben es den Herren an der
Themse und an der Seine aufs Wort, daß ihnen die Zurückführung
Deutschlands in den früheren Zustand der Zersplitterung und Ohnmacht
hoch erwünscht wäre, und daß sie darin das Ideal einer sogenannten Reorganisation
Europas erblicken. Wir aber wissen, gerade nach den Erfahrungen
dieses Krieges erst recht zu schätzen, was die mühsam gewonnene
nationale Einheit und Geschlossenheit uns wert ist, und wir werden uns
dieses kostbare Gut niemals nur im geringsten antasten lassen. Aehnliche
Unterwühlungstendenzen treten auch gegenüber Oesterreich-Ungarn
zutage. Der Glaube an die Schwäche und den geringen Zusammenhalt
der Donaumonarchie hat ja eine Hauptrolle in den Berechnungen
unserer Gegner gespielt. Bei einem ernstlichen Ansturm und spätestens
beim Ableben des Kaisers Franz Joseph, dessen Persönlichkeit noch
als ein Faktor der Einigung angesehen wurde, sollte — so meinten sie —
das Reich sich in seine Bestandteile auflösen. Aber wie stets in kritischen
Zeiten hat die Monarchie auch jetzt wieder eine überraschende Lebenskraft
und Widerstandsfähigkeit bewiesen, und es werden dort, des sind wir gewiß.
Staatsgesinnung und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, wie
unter dem verstorbenen ehrwürdigen Monarchen, so auch unter seinem
sugendlichen Erben, sich auf die Dauer als einigende Kräfte zur Erhaltung
und Stärkung des Staatsgedankens bewähren. Die Italiener, Slawen,
Rumänen, Tschechen und Slowenen aber, denen die Ententenote vom
12. Jan. „Befreiung von der Fremdherrschaft“ anbietet, sie, die seit Jahrhunderten
unter dem Zepter Habsburgs vereinigt sind, weisen dieses Anerbieten
mit Entrüstung zurück, sie wollen diese Befreiung am wenigsten
aus der Hand von begehrlichen Nachbarn, die mit ihren Kulturleistungen
an die der Donaumonarchie auch nicht von ferne heranreichen. Wenn
irgendwo etwas schwach oder brüchig gewesen sein sollte bei den Mittelmächten
und ihren Verbündeten, die übermütige Enthüllung der aggressiven
Kriegsziele in der Antwortnote hätte genügt, es in eiserne Entschlossenheit
umzuwandeln. Die Verwirklichung der feindlichen Kriegsziele würde nicht
nur, was ja mit klaren Worten ausgesprochen wird, die Zertrümmerung
Oesterreich-Ungarns und der Türkei bedeuten, sondern sie würde mit ihren
Forderungen von Wiederherstellung, Entschädigung und Wiedergutmachung