Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zwölfter Jahrgang. 1896. (37)

222  Kra#treich.  (Oktober  5.—8.)

Programm  die  parlamentarischen  Körperschaften  eine  zu  geringe  Rolle
spielten.  —  Der  in  seiner  Mehrheit  sozialistische  Stadtrat  von  Paris  bewilligt
  große  Summen  für  die  Ausschmückung  der  Stadt.

5.  Oktober.  Das  Zarenpaar  landet  in  Cherbourg,  eskortiert
von  20  französischen  Kriegsschiffen  und  wird  von  Faure,  den  Ministern
  Méline  und  Hanotaux,  den  Präsidenten  der  Kammer  und
des  Senats  empfangen.

Präsident  Faure  hält  folgende  Begrüßungsrede:  „Mit  großer
Freude  empfange  ich  heute,  begleitet  von  den  Präsidenten  des  Senats  und
der  Kammer,  Eure  Kaiserliche  Majestät  und  Ihre  Majestät  die  Kaiserin.
Der  Präsident  der  Republick  ist  sicher,  den  Gefühlen  der  Nation  zu  entsprechen,
  wenn  er  sich  zum  Dolmetscher  der  einmütigen  Wünsche  macht,  die
sie  für  die  Kaiserliche  Familie,  für  den  Ruhm  der  Regierung  Eurer  Majestät
  und  für  das  Glück  Rußlands  hegt.  Morgen  wird  Eure  Majestät  in
Paris  das  Herz  des  französischen  Volkes  schlagen  hören,  und  der  Empfang,
der  dem  Kaiser  und  der  Kaiserin  zu  teil  werden  wird,  wird  Ihnen  die
Aufrichtigkeit  unserer  Freundschaft  erweisen.  Eure  Majestät  wollte  in
Frankreich  landen,  eskortiert  von  einem  unserer  Geschwader:  Die  französische
  Marine  ist  dafür  dankbar.  Sie  erinnert  sich  mit  Stolz  an  die
zahlreichen  Beweise  der  Sympathie,  mit  denen  sie  Ihr  erhabener  Vater
umgab  und  an  den  Anteil,  den  ihr  an  den  Festen  von  Kronstadt  und
Toulon  zu  nehmen  vergönnt  war.  Indem  ich  Eure  Majestät  auf  dem
Boden  der  Republik  willkommen  heiße,  erhebe  ich  mein  Glas  zu  Ehren  des
Kaisers  und  der  Kaiserin  von  Rußland."“  4

Der  Zar  antwortet:  „Ich  bin  gerührt  von  dem  sympathischen  und
herzlichen  Empfang,  der  uns  in  Cherbourg  bereitet  worden  ist.  Ich  habe,
als  ich  den  Boden  der  befreundeten  Macht  betrat,  das  Geschwader,  welches
uns  geleitete,  ebenso  wie  das  Admiralschiff  „Hoche“  sehr  bewundert.  Ich
teile  die  Gesinnungen,  denen  Sie,  Herr  Präsident,  soeben  Ausdruck  gegeben
haben.  Ich  erhebe  mein  Glas  zu  Ehren  der  französischen  Nation,  der
Flotte  und  ihrer  wackeren  Seeleute,  und  danke  dem  Präsidenten  der  Republik
für  die  Willkommengrüße,  die  er  uns  soeben  ausgesprochen  hat.“

6.—8.  Oktober.  Das  Zarenpaar  in  Paris.

Nach  dem  feierlichen  Einzuge,  wo  das  Zarenpaar  auf  der  Fahrt  nach
der  russischen  Botschaft  von  unermeßlichen  Massen  mit  großem  Jubel  begrüßt
  wird,  begibt  sich  der  Zar  in  das  Elysee,  wo  ihm  die  Mitglieder  des
Senats  und  der  Kammer  vorgestellt  werden.  Hierauf  macht  der  Zar  einen
Besuch  im  Palais  de  Bourbon  und  im  Luxembourg,  um  bei  den  Präsidenten
  der  Parlamente  seine  Karte  abzugeben.  (Dieser  Besuch  war  im
Programm  nicht  vorgesehen.)

Auf  dem  Festmahl  im  Elysee  bringt  Faure  folgenden  Toast  aus:
„Der  Empfang,  der  den  Eintritt  Eurer  Majestät  in  Paris  begrüßte,  bewies
Eurer  Majestät  die  Aufrichtigkeit  der  Gefühle,  welche  auszudrücken  ich  mich
verpflichtet  fühlte,  als  Eure  Majestät  den  Boden  der  französischen  Republik
betraten.  Die  Gegenwart  Eurer  Majestät  unter  uns  besiegelte  unter  den
Zurufen  eines  ganzen  Volkes  die  Bande,  welche  zwei  Länder  in  zusammenstimmender
  Thätigkeit  und  in  gegenseitigem  Vertrauen  zu  ihrer  Bestimmung
verbinden.  Die  Union  eines  mächtigen  Kaiserreichs  und  der  arbeitsamen
Republik  konnte  schon  einen  wohlthätigen  Einfluß  auf  den  Weltfrieden  üben.
Befestigt  durch  eine  erprobte  Treue  wird  diese  Union  fortfahren,  überall
hin  ihren  glücklichen  Einfluß  geltend  zu  machen.  Indem  ich  die  Gefühle