Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXVII. Jahrgang, 1916. (27)

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Wenn  nun  nächst  dem  Lehnwesen  das  zweite  Grundelement
der  öffentlichen  Verhältnisse  jener  Zeit  die  Verfassung  der  Kirche
war,  die  Simonie  aber  in  letztere  auf  das  Tiefste  eingriff;  so  wäre
gar  nicht  unglaublich,  daß  Heinrich  ein  Versprechen,  diesem  Unfuge
  zu  steuern,  sei  es  nun  aus  gläubigem  Eifer,  sei  es  aus  politischen
  Rücksichten,  wirklich  öffentlich  ertheilt  habe.  Uebrigens
kann  darauf,  ob  der  König  das  Gelöbniß  gethan,  oder  ob  Liudprand
  es  ihn  nur  in  den  Mund  gelegt  hat,  nur  wenig  ankommen,
da  die  Unrichtigkeit  eines  so  außerwesentlichen  Umstandes  auf  die
Glaubwürdigkeit  der  Hauptsache  keinen  Einfluß  gewinnen  kann.

Endlich  findet  auch  Luden  die  Nachricht  des  Bischofs,  daß
eine  Abbildung  des  Sieges  für  den  obern  Speisesaal  der  Pfalz
zu  Merseburg  angefertigt  worden,  in  Erwägung  des  damaligen
Zustandes  der  Kunst,  ganz  unwahrscheinlich  11).  Zu  dem,  was
Martini  (Nota  133)  hierbei  bemerkt  hat,  daß  der  Bischof  Bernward
  von  Hildesheim  am  Ausgange  des  10.  Jahrhunderts  ein
Gemälde  ausführte  (picturam  eliam  limate  exercuerit),  kann
noch  hinzugefügt  werden,  daß  auch  Widukind  des  auf  der  sächsischen
  kaiserlichen  Hauptfahne  abgebildeten  Engels  bei  beiden
Ungarnschlachten  (933  und  955)  in  einer  solchen  Weise  gedenkt,
daß  man  annehmen  muß,  er  habe  diesen  Engel  für  ein  ausgezeichnetes
  Gemälde  gehalten  15).  Vielmehr  muß  der  Umstand,
daß  noch  jetzt  ein  Gemälde  der  Ungarnschlacht  (angeblich  eine  im
16.  Jahrhundert  gefertigte  Copie  des  Originals)  in  dem  Dome
zu  Merseburg  gezeigt  wird,  nicht  wenig  für  die  Nachricht  der
Lindprand'schen  Erzählung  zeugen  15).

Soweit  über  den  Bischof  Liudprand.  Nunmehr  zu  einer
parallelen  Darlegung  der  Nachrichten  über  den  Gang  des  Ereignisses
  und  zu  dem  Versuche,  ihre  Abweichungen  unter  sich  in  Einklang
  zu  bringen.

Zuvörderst  scheint  die  Annahme  sich  rechtfertigen  zu  lassen,
daß  die  Ungarn  über  die  Saale  nach  Thüringen  gelangt  sind  und
diesen  Fluß  in  der  Nähe  Merseburgs  überschritten  haben.

Liudprand  sagt  über  ihren  Anzug  nichts,  aus  Widukind's
Worten  17)  aber  kann  geschlossen  werden,  daß  die  Ungarn  sowohl
in  Dalmatien,  weil  sie  im  Gebiete  eines  verbündeten  Volks  waren,
als  auch  während  des  Zugs  durch  das  übrige  Sorabien,  weil
sie  Eile  hatten,  auf  der  ordentlichen  Straße  geblieben  sind  und
den  nächsten  Weg  genommen  haben.

14)  Bleibt  aber  doch  kein  unverwerflicher  Beitrag  zur  Kunstgeschichte.

1  5)  Coramque  eo  angelum.  pag.  435.  —  in  legionc  quinta  ipse  princeps,
coramdue  co  angelus,  penes  qduem  victorio.

16)  Nach  einer  Nachricht  im  Morgenblatte,  Nr.  30  vom  Jahre  1839,
geht  übrigens  auch  diese  Copie  ihrer  Auflösung  entgegen.

17)  Iter  agentes  per  Dalamaliam  —  ab  antiquis  opem  petunt  amicis  —
dunm  ad  oliam  pugnam  festinantilus  non  essel  mjuriam  vindicandi  locns.  (434).