Full text : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

8  1.9Die  Beit  Zudwigs  XIV  und  des  Aurfürften  Friedrich  Wilhelm.

weil  es  im  Reiche  ohnmächtig,  teil®  weil  es  in  den  allgemein  europätlchen
  Angelegenheiten  zu  mächtig  war,  und  dann  weil  e&  al
fatholiiche  Bormacht  der  Unparteilichfeit  entbehrte,  der  bis  zu  einem
gewillen  Grade  jede  herrjchende  Stellung  bedarf.  Dadurch  war
jeder  Forticehritt  auf  der  Grundlage  des  beftehenden  politischen
Syjtem3  von  vornherein  gelähmt  und  e3  ergab  fih,  daß  Die
Heilung  der  nachgerade  für  jedermann  offenkundigen  Schäden
diejed  Syjtems  ohne  eine  völlige  Neugejtaltung  nicht  möglich  war,
mit  anderen  Worten:  daß  die  Schaffung  eines  neuen  Deutjchlands
nur  auf  der  Bafis  des  Territorialitaats  angebahnt  und  als  die
Beit  erfüllt  war,  vollendet  werden  fonnte.

Man  pflegt  die  fünfzig  Sahre  vom  weftfäliichen  Frieden  bis
zum  Krieg  um  die  fpanische  Erbfolge,  mit  welchem  das  achtzehnte
Sahrhundert  fich  eröffnet,  das  Zeitalter  Qudwigs  XIV  zu  nennen:
in  der  Tat  waren  Frankreich  und  jein  König  die  führenden  Mächte,
um  Die  fich  daS  europäifche  Zeben  in  diefem  Zeitraum  drehte  Um
die  Entwicklung  auch  der  deutichen  Angelegenheiten  in  diejer  Zeit
zu  verftehen,  müfjen  wir  daher  einen  Bid  auf  die  allgemeinen  europäifchen
  Berhältniffe  werfen,  in  die  Deutjchland  an  fich  vermöge
feiner  geographifchen  Lage  und  jegt  durch  den  Dreißigjährigen  Krieg
und  jeine  Wirkungen  noch  mehr  al  jonjt  verjtridt  war,  in  denen
e8  aber  nicht  mehr  die  maßgebende  Rolle  fpielte.

Seit  vielen  Generationen  hatten  in  Frankreich  alle  Verhältnifje
  zufammengewirkt,  um  eine  außerordentliche  Stärkung  der
föniglichen  Macht  herbeizuführen.  Diefe  Entwicklung  hatte  jich  unter
dem  Nachfolger  Heinrich  IV,  Ludwig  XIII,  danf  der  ftaatsmännischen
Genialität  eine®  Kardinal®  der  römihchen  Kirche,  Armands  du
Plejlis,  Herzogs  von  Richelieu,  vollends  durchgejegt  und  nad)  einer
furzen  Epoche  des  Rampfs  mit  den  zentrifugalen  Kräften  einer
Dppofition,  die  man  mit  dem  Namen  der  Fronde  zujammenfaßt,
während  der  Minderjährigfeit  Ludwigs  XTV  durch  Richelteus  Schüler
und  Nachfolger,  Kardinal  Mazarin,  weiterhin  befeftig.  AS  nad
defjen  Tode  im  Jahre  1661  Ludwig  jelbft  die  Regierung  in  Die
Hand  nahın,  da  war  in  ihm  der  Vertreter  und  Typus  des  ab-