Full text : Fabrikschulen.

Zeichnen.  129

Das  Streben  der  Schule  muß  sein,  das  Vorstellungsvermögen  auszubilden,
  so  daß  schließlich  jeder  von  der  geometrischen  Werkstatts-Strichzeichnung
  eine  Parallelprojektion  herstellen  kann.

Nebenher  geht  auch  in  diesem  Fache  noch  die  Erziehung  zur  Sorgfalt
  und  zur  Genauigkeit  in  allen  Arbeiten,  welche  die  Schüler  ausführen.
Die  Aufmerksamkeit  der  Lehrer  muß  sich  darauf  richten,  auch  nicht  den
geringsten  Fehler  ungerügt  und  unverbessert  zu  lassen.  Von  sauberen
Skizzen,  die  wiederum  der  peinlichen  Exaktheit  halber,  wo  angängig,
schon  mit  Buntstift  hergestellt  werden  mögen,  gelangt  der  Schüler  so
zur  korrekten  Tuschzeichnung  auf  dem  Reißbrette,  die  nur  unter  Verwendung
  von  Dreieck,  Reißschiene,  Zirkel  usw.  vollendet  werden  darf.
Merkt  erst  die  Klasse,  daß  ohne  Gnade  jede  Flüchtigkeit  ein  Wegwischen
des  Gezeichneten  mit  dem  Gummi  und  damit  eine  erhöhte  Mehrarbeit
zur  Folge  hat,  so  fügt  sie  sich  bald  ins  Unabwendbare,  und  dann  erst  ist
der  Boden  für  einen  wirklich  erfolgreichen  Unterricht  bereitet.

Für  ein  eigentliches  Freihandzeichnen  ist  somit,  wenn  es  sich
nicht  gerade  um  schmückende  Gewerbe  handelt,  in  der  Werkschule  kein
Raum,  Das  gebundene  Zeichnen  herrscht  vor,  und  nur  im  Anfange,
vielleicht  bei  der  Darstellung  einer  Ellipse  durch  Auffindung  verschiedener
Ellipsenpunkte,  die  freihändig  zu  verbinden  sind,  möge  die  erstere  Art
des  Zeichnens  dem  wirklichen  Fachunterricht  vorangehen.

Es  folgt  das  Projektionszeichnen  regelmäßiger  geometrischer
Körper,  Würfel,  Walzen,  Kegel.  Ein  Abschattieren  krummer  Flächen
ist  im  ersten  Jahre  wohl  empfehlenswert,  aber,  weil  mit  viel  Zeitverlust
verbunden,  nicht  unbedingt  nötig,  dient  es  doch  nur  dazu,  die  Sinnfälligkeit
  der  Darstellung  zu  erhöhen.  Netzabwickelungen  und  Durchdringungen
  der  verschiedensten  Körper  bilden  höhere  Aufgaben,  und  von
der  rechtwinkligen  wird  später  zur  schiefwinkligen  Parallelprojektion
übergegangen.  Haben  wir  die  Werkschule  einer  Maschinenfabrik,  so
ist  der  weitere  Weg  von  selbst  vorgezeichnet  und  jeder  Konstrukteur
weiß  ihn  zu  gehen,  wenn  er  sich  an  seine  eigenen  Lernjahre  erinnert.
In  anderen  Berufen  wird  das  Modellzeichnen  in  den  Hintergrund  treten
und  der  Pflege  der  für  die  betreffende  Branche  besonders  erforderlichen
Kenntnisse  auf  zeichnerischem  Gebiete  Platz  machen;  in  den  Werften
der  Kenntnis  der  Schiffskonstruktionen,  bei  einem  Bautischlerlehrling
der  Übung  im  Zeichnen  von  Haustüren,  Windfang-  und  Pendeltüren,
Fensterladen  mit  gestemmten  Rahmen  und  Füllungen  oder  von  Wandvertäfelungen,
  beim  Möbeltischler  dem  Zeichnen  von  Schränken  und
anderen  Möbeln.

Entsprechend  der  Wichtigkeit  dieses  Unterrichtsgegenstandes  ist
für  die  Werkschulen  auch  darauf  zu  rechnen,  daß  staatliche  Revisoren
von  Zeit  zu  Zeit  vorzusprechen  pflegen,  um  zu  sehen,  welche  Fortschritte

Kohlmann,  Fabrikschulen,  9