40 8 4. Die Gründung des Deutschen Reiches.
schen Seite hin, indem der Königl. württembergische Vertreter in München nicht in
der Lage gewesen war, sich über diesen vorzugsweise wichtigen Teil in der Verfassung
weiter, als in einigen allgemeinen Andeutungen zu äußern. Gleichzeitig mit dieser
Anregung erfolgte der offizielle Antrag Badens auf Eintritt in den Norddeutschen Bund.
Das Präsidium konnte nicht zögern, diesen Anregungen zu entsprechen, und so-
wohl die Königl. württembergische als die Großherzogl. badische Regierung zur Ent-
sendung von Bevollmächtigten nach Versailles einzuladen. Es gab gleichzeitig davon
nach München Nachricht, indem es zur Wahl stellte, entweder ebenfalls in Versailles
die Münchener Besprechungen fortzusetzen, oder, wenn es vorgezogen werden sollte,
das Ergebnis der Verhandlungen mit den anderen dort vertretenen deutschen Staaten
abzuwarten, um sodann die Verhandlungen in München wieder aufzunehmen. Endlich
erklärte auch die Großherzog]. hessische Regierung ihren Entschluß, mit dem süd-
lichen Teil ihres Gebietes in den Bund einzutreten, und so geschah es, daß in der
zweiten Hälfte des Oktober Vertreter der sämtlichen süddeutschen Staaten in Ver-
sailles zusammentraten, um über die Gründung eines Deutschen Bundes
zu verhandeln. Die Verhandlungen mit Württemberg, mit Baden und mit Hessen
führten sehr bald zu der Ueberzeugung, daß es ohne große Schwierigkeit gelingen
werde, auf Grundlage der Verfassung des Norddeutschen Bundes zu einer Verständi-
gung zu gelangen; die Verhandlungen mit Bayern boten anfangs größere Schwierig-
keiten und es war auf den eigenen Wunsch des Königl. bayerischen Bevollmächtigten,
daß zunächst die Verhandlungen mit den drei anderen süddeutschen Staaten fortge-
setzt wurden. Die Königl. bayerischen Bevollmächtigten fühlten das Bedürfnis, nicht
ihrerseits durch die sich darbietenden Schwierigkeiten den Abschluß mit den anderen
Staaten zu verzögern. So kam es, daß gegen Mitte November die Verständigung mit
den drei anderen süddeutschen Staaten zum Abschluß gekommen war. Ein unvorher-
gesehener Zufall verhinderte es, daß gleich am 15. November Württemberg an der
mit ihm bereits in allen Hauptpunkten festgesetzten Verständigung teilnahm. Es
wurde deshalb zunächst mit Baden und mit Hessen abgeschlossen. Währenddem wur-
den die Verhandlungen mit Bayern wieder aufgenommen oder fortgesetzt; sie führten
rascher, als es anfangs erwartet werden durfte, zum Abschluß, der in dem Vertrage
vom 23. November vorliegt. Am 25. November erfolgte alsdann auf Grund der in Ver-
sailles bereits festgestellten Verständigung der Abschluß mit Württemberg‘).“ — —
Die Resultate der hier erwähnten Verhandlungen sind niedergelegt
in folgenden Urkunden:
I. Vertrag zwischen dem Norddeutschen Bunde,
Baden und Hessen, geschlossen zu Versailles, den 15. Novem-
ber 1870°?).
Diesem Vertrag ist beigegeben eine »Verfassung des Deutschen
Bundes«?°), welche eine Redaktion der Verfassung des Norddeutschen
1) Zur Ergänzung dieser Darstellung dienen jetzt die eingehenden aktenmäßigen
Mitteilungen, welche G. Meyer in seiner trefflichen Schrift „Die Reichsgründung
und das Großherzogt. Baden“ 1896, S.53 ff. gibt. Ferner über die Verhandlungen mit
Württemberg und die von Bayern verursachten Schwierigkeiten die vorzügliche Dar-
stellung von W. Busch in der oben S. 4 zitierten Schrift. Endlich über die Ver-
handlungen mit Bayern hinsichtlich der militärischen Sonderrechte Graßmannin
Hirths Annalen 1898, S. 723ff., sowie v. Ruville, welcher in der S. 4 zitierten
Schrift eine Schönmalerei des Verhaltens Bayerns zu geben versucht. Die erste An-
regung zu den Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten scheint nicht von Bayern
und auch nicht von Baden, sondern von Sachsen ausgegangen zu sein. Busch
S. 146fg.; v. Ruville S. 186 ff.
2) Bundesgesetzbl. 1870, S. 650. 3) Ebendaselbst S. 627.