Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Abschluß  der  Verhandlungen.  Der  Kaisertitel  341

Am  24.  November  trat  der  Norddeutsche  Reichstag  zusammen.
  Delbrück  kündigte  den  Abschluß  mit  Bayern,  Baden
und  Hessen  an.  Am  25.  unterschrieb  dann  auch  Württemberg.
  Vom  24.  November  bis  10.  Dezember  genehmigte  der
Reichstag  alle  Verträge.  An  Stelle  der  Vertragsworte  „Bundes-Oberhaupt“
  und  „Deutscher  Bund“  wurde  Kaiser  und  Reich
gesetzt.

„Kaiser  und  Reich“.  Welche  Schwierigkeiten  mußte  nun
Bismarck  noch  beseitigen,  um  seinen  König  zur  Annahme  des
Kaisertitels  zu  bewegen.  Am  12.  Dezember  noch  schreibt  er
an  seine  Frau:  „Mich  plagen  die  Fürstlichkeiten  mit  ihrer
Geschäftigkeit  und  auch  mein  allergnädigster  mit  all  den
kleinen  Schwierigkeiten,  die  sich  für  ihn  in  der  sehr  einfachen
Kaiserfrage  an  fürstliche  Vorurtheile  und  Kinkerlitzchen  knüpfen.“
Die  Kaiserkrone  erschien  dem  König  zu  sehr  im  Lichte  eines
übertragenen  modernen  Amtes.  Bei  den  ersten  Erörterungen
sagte  er:  „Was  soll  mir  der  Charaktermajor?"  Der  Kaisertitel
  erschien  ihm  wie  ein  leerer  Titel  ohne  Macht,  wie  dem
titulierten  Major  die  wirklichen  Befugnisse  eines  Majors,  ein
Bataillon  zu  kommandieren,  noch  fehlen.  Bismarck  erwiderte
ihm  unter  anderem:  „Eure  Majestät  wollen  doch  nicht  ewig
ein  Neutrum  bleiben:  „das  Präsidium"?  In  dem  Ausdrucke
„Präsidium“’  liegt  eine  Abstraktion,  in  dem  Worte  „Kaiser“
eine  große  Schwungkraft.“  Solche  und  ähnliche  Bedenken
kehrten  wieder.  Bismarck  überwand  sie  durch  die  Tat.  Ende
November,  als  die  Kaiserfrage  kritisch  stand  und  zu  scheitern
drohte  an  der  Abneigung  König  Wilhelms  und  an  dem
Schweigen  des  Bayernkönigs,  der  von  dem  badischen  Großherzog
  gebeten  worden  war,  die  Anregung  zu  geben,  befand
sich  in  Versailles  der  Oberstallmeister  des  Bayernkönigs,  Graf
Holnstein,  der  seinem  Herrn  besonders  nahe  stand.  Dieser
übernahm  auf  Bismarcks  Bitte  die  Überbringung  eines  Schreibens
  an  König  Ludwig  II.,  das  Bismarck,  um  die  Beförderung
  nicht  zu  verzögern,  sofort  an  einem  abgedeckten  Eßtische
auf  durchschlagendem  Papier  und  mit  widerstrebender  Tinte
niederschrieb.  Bismarck  entwickelte  darin  den  Gedanken,  daß