Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Rohmeder:  Die  krredenta  35

„  Irredentismus-  zusammengefaßt.  In  der  zweiten
und  dritten  der  obigen  Wortverbindungen  kommt

gleich  der  geographische  oder  geschichtliche  Nebenegriff

  mit  zum  Ausdruck  daß  nicht  nur  Bestandteile

des  italienischen  Bolkes,  sondern  auch  Teile  des
Landes  Italien  zu  rerlösen=  seien.  Diese  Vorstellung
  ist  auch  in  dem  Ausdruck  -Redenziones  (von
redimere  =  erlösen)  in  dem  Sinne  mitenthalten,  daß
die  „Erlösunge  in  der  Zurückgabe  an  das  Stammland
  bestehe.

Name  und  Begriff  sind  also  italienischen  Ursprungs.
  In  den  letzten  Jahrzehnten  hat  man  indes
beide  auch  auf  außeritalienische  Verhältnisse  Übertragen.
  Das  klassische  Land  des  Irredentismus  aber
war  und  blieb  immer  dessen  Heimatland  Italien.
Die  geschichtlichen  Grundlagen  desselben  waren  die
politischen  Verhältnisse,  die  dem  Lande  durch  den
Wiener  Kongreß  (1814—15)  gegeben  worden  waren.
In  seiner  nun  100jährigen  Goschichte  sind  zwei  Perioden
  erkennbar.

Die  treibenden  Kräfte  der  ersten  Periode  (1814
bis  1861)0  sind  die  Gedankengänge,  Schlagwörter  und
republikanischen  Ziele  der  Revolution  von  1789,
jedoch  in  solcher  Umgestaltung  der  letzteren,  daß  an  die
Stelle  der  »Liberté«  die  -Befreiunge  und  an  die  Stelle
der  „Egalité  et  Fraternité  die  politische  Einigungtrat.
  Trägerinnen  und  Pflegerinnen  waren  die  über
ganz  Italien  verbreiteten,  von  der  Schweiz,  von  Paris
und  London  aus  geleiteten  (und  bezahlten)  Geheimgesellschaften,
  besonders  die  der  Carbonari  und  der
Freimaurerlogen,  die  infolge  der  engen  politischen
Verbindung  des  lombardisch-venezianischen  Königreichs
  (Oberitalien  bis  zum  Tessin)  mit  alten  Kronländern
  der  habsburgischen  Monarchie  auch  in  diese
hinüberwechselten.  Fruchtbaren  Nährboden  lieferte,
dort  wie  hier,  das  Metternichsche  Regierungssystem,
das  die  Bedeutung  einer  geistig-politischen  Bewegung
nicht  zu  erkennen  und  derselben  nur  mit  groben  Hos
zeimaßnahmen  zu  begegnen  vermochte.  Durch  die
Verbindung  des  sardinisch-piemontesischen  Königtums
(Viktor  Emanuel  II.,  Cavour)  mit  den  Trägern  der
revolutionär-republikanischen  Bewegung  (Mazzini,
Garibaldi)  wurde  unter  der  Führung  des  ersteren
und  vorläufiger  Zurückstellung  der  politischen  Ziele
(republikanische  Staatsform)  seitens  der  letzteren
durch  die  Errichtung  des  Königreichs  Italien  (1859

bis  1861)  die  obengenannten  Ziele  nahezu  vollständig
  erreicht.

Die  zweite  Periode  (1861—1915)  entnahm  ihre
geistigen  Waffen  den  Lehren  des  sog.  Nationalitätenprinzips,
  die  Napoleon  III.,  der  Enkel  und  Erbe
der  Revolution.  zur  Grundlage  seiner  Politik  erhoben
haite,  soweit  sie  ihm  zur  Erreichung  selbstsüchtiger
Zwecke  dienlich  schienen.  In  den  ersten  Jahrzehnten
  nach  1861  vermochten  die  Vertreter  des  monarchischen
  Gedankens  (Crispi,  Giolitti  u.  a.)  die  revolutionär-republikanischen
  Elemente  (Nadikale,  Republikaner,
  die  staats-=  und  kirchenfeindlichen  Logen),  die
nun  die  Träger  und  Pfleger  auch  des  Irredentismus
geworden  waren,  noch  zu  beherrschen  und  zu  leiten.
Nachdem  aber  (1876)  dieser  (durch  Zanardelli  u.  a.)
hof=  und  regierungssähig  geworden  war,  gelangte  die
Leitung  des  innerlich  noch  nicht  festgefügten  Staates
mehr  und  mehr  in  die  Hände  der  revolutionären  Elemente,
  deren  Willensvollstrecker  nun  der  semitisch-englische
  Bastard  Sonnino  geworden  ist,  der  das  Königtum
  1915  in  das  Abenteuer  der  Beteiligung  am  Weltkrieg
  hineinriß.

Geschichtlich-politische,  geographische  und  ethnographische
  Grundlagen.  Man  vergegenwärtige  sich
die  durch  den  Wiener  Kongreß  geschaffenen  politischen
Verhältnisse  Italiens:  Oberitalien  unter  der  unmittelbaren
  Herrschaft,  Mittelitalien  durch  habsburgische
Nebenlinien  (Modena,  Parma.  Toskana)  unter  der
Vormundschaftder  Metternichschen  Regierungsgrundsätze;
  im  Übrigen  Mittelitalien  der  Kirchenstaat  mit
seinem  hierarchischen  Regierungssystem;  in  einem
Reste  Mittelitaliens  und  in  Unterstalen  Sizilien
Bourbonen,  die  auch  hier  anichts  gelernt  und  nichts
vergessen  hatten.  Und  demgegenüber  nun  der  Gang
und  die  Erfolge  der  Befreiungs=  und  Einigungsbestrebungen
  (1848  —70),  die  infolge  glücklicher  Umstände
  und  mit  fremder  Hilfe  ihre  Ziele  erreichten!
Der  Versuch  des  treulosen  und  charakterschwachen
Königs  Karl  Albert  von  Piemont-Sardinien  (1848)
scheiterte  an  der  Feldherrnkunst  Radetzkys  (Custozza,
Novara,  Mortaral).  Die  Verbindung  des  klugen  und
zielbewußten  Sohnes  und  Nachfolgers  Karl  Alberts,
Viktor  Emanuels,  unter  der  Leitung  eines  zuverlässigen
  und  tatkräftigen  Staatsmanns  (Cavour)  mit
Napoleon  III.  und  der  Revolution  zugleich  führte
zum  Erwerb  der  Lombardei  (Magenta,  Solferinol)
und  der  mittelitalienischen  gaitten  (1859),  ferner
des  größten  Teiles  des  Kirchenstaates  und  Unteritaliens
  mit  Sizilien  (1860)  und  zur  Errichtung  eines
italienischen  Königtums  (1861),  dessen  Kronträger
allerdings  schon  1860  das  Stammland  seiner  Dynatie,

  Savoyen,  und  das  Heimatland  Garibaldis,  die
italienische  Grafschaft  Nizza,  für  die  geleisteten  Dienste
an  Frankreich  hatte  abtreten  müssen.  Das  Bündnis
mit  Preußen  im  Jahre  1866  brachte  dem  jungen  Königreich
  trotz  seiner  Niederlagen  zu  Land  und  zu  Wasser
  (Custozza,  Lissal)  Venetien,  und  die  Abberufung
der  französischen  Schutztruppen  aus  Rom  infolge  des
deutsch-französischen  Krieges  (1870)  öffnete  die  Tore
dieser  Stadt.  Das  Wort  Italien=  hatte  aufgehört,
ein  bloß  geographischer  Begriff  zu  sein.  Halte  es  von
1861—70  im  Gegensatz  Jum  „erlösten  Italiene  ¶  ta--lia
  redenta)  noch  eine  -  Terra  irredenta  gegeben,  so
konnte  nun  auch  dieser  Gegensatz  als  beseitigt  gelten.

Denn  welche  Bestandteile  des  italienischen  Volkes
bzw.  welche  wirklichitalienischen  Gebiete  konnten
  zum  fertigen  Italienc  noch  fehlen?  Man  mochte
an  die  folgenden  denken:

1)  Korsika,  seit  1768  bei  Frankreich;  2)  die  Grafschaft
  Nizza,  seit  1860  bei  Frankreich;  3)  Malta,
im  Jahre  1800  von  England  als  Seesperre  am  übergang
  vom  westlichen  zum  östlichen  Mittelmeerbecken
wegigenommen  :  4)  der  schweizerische  Kanton  Tessin;
5)  die  (nach  irredentistischer  Ausdrucksweise)  -italienischen
  Provinzen-,  die  noch  im  Besitze  Osterreichs
verblieben  waren.  Es  mußte  nun  auffallen,  daß  sich
die  fortgesetzte  irredentistische  Werbung  und  Bewegung
  nicht  auf  die,  in  sich  abgeschlossenen  und  ohne

weifel  nahezu  rein  italienischen  Gebietsteile  Korsika.

eizza  und  Malta  (mit  zusammen  800000  Bewohnern)
  und  ebenso  nur  lau  und  gelegentlich  und
ohneernstlich  geäußerte  Losreißungsbestrebungen  auf
das  Tessin  erstreckten,  sondern  sich  vielmehr  auf  alte
habsburgische  Provinzen  und  Kronländer  beschränkten,
  in  denen  sie  gerade  am  allerwenigsten  geschichtlich,
  geographisch,  völkisch  und  sprachlich  begründet
  sind.  Diese,  beim  ersten  Blick  befremdliche
Erscheinung  kann  indes  nicht  mit  einem  Hinweis  auf
die  geschichtlich-politischen  Beziehungen  zwischen  Osterreich
  und  Italien  genügend  erklärt  werden;  dunkle

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