Volltext : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Spätherbst  1915  bis  Sommer  1916

der  Feind  gegen  den  Abschnitt  zwischen  dem  Pruth
und  der  Waldzone  nördlich  von  Toporutz  sowie  gegen
die  Brückenköpfe  der  Dujestr=  und  Strypafront,  also
Zaleszczyki.  Usciezko,  Jaglowice,  Buczaz,  Wiesniowczyk
und  Burkanow.  Der  Stoß  traf  die  österreichisch.
ungarische  Armee  des  Generals  Pflanzer-Baltin  und
einen  Teil  der  deutschen  Südarmee  unter  General
Graf  Bothmer.  Die  Schlacht  dauerte  mit  derselben
Heftigkeit,  mit  der  fie  eingesetzt,  im  Jahre  1916  fort,
nachdem  die  Neujahrsnacht  einen  besonders  ungestüämen
  Angriff  gebracht  hatte.  An  diesem  wie  an  den
voraufgehenden  und  nachfolgenden  Tagen  scheiterten
trotz  oft  fünfmal  wiederholten  wütenden  Anstürmens
alle  Durchbruchsversuche.  Am  5.  ließ  die  Kampftätigkeit
  wesentlich  nach,  um  am  6.  wieder  die  frühere
Höhe  zu  erreichen;  Brennpunkt  des  Ringens  war  diesmal
  die  Gegend  nordöstlich  von  Buczaz.  Um  diese
Zeit  schon  bezifferten  vorsichtige  Schätzungen  die  Verluste
  der  Rufsen  auf  mindestens  50000  Mann.  Der
7.  brachte  keine  Anderung  der  Lage.  Am  8.  erneuerte
der  Feind  seine  Angriffe  nicht,  nur  setzte  auf  der  ganzen
  Front  starkes  Artilleriefeuer  ein.  Am  13.  begannen
die  Infanteriekämpfe  wieder,  diesmal  mit  besonderer
Wucht  bei  Toporutz  und  Rarancze  —  ein  fünfmaliger
Ansturm  der  Russen  in  dichten  Massen  wurde  zum
Scheitern  gebracht,  am  14.  wurde  in  demselben  Raume
weitergekämpft  und  erreichte  der  Angriff  seine  höchste
Stärke;  wiederum  hatten  die  Russen  nur  Mißerfolge
zu  verzeichnen.  Eine  mehrtägige  Kampfpause  wurde
infolge  der  ungemein  großen  Verluste  nunmehr  für
die  Angreifer  nötig.  Währenddessen  schriiten  die  Verteidiger
  bei  Rarancze  zu  einem  allerdings  nur  örtlichen,
  aber  sehr  erfolgreichen  Gegensteß.  —  Es  blieb
wider  Erwarten  weiter  ruhig.  Die  Neujahrsschlacht
1915/16  war  zu  Ende;  die  Verbündeten  hatten  in  der
Abwehr  in  24  Kampftagen  einen  vollen  Erfolg  zu
verzeichnen.  70000  Mann  an  Toten  und  Verwundeten.
  6000  an  unverwundeten  Gefangenen  hatte  der
Durchbruchsversuch  dem  Feinde  gekostet.

Die  Märzossensive  der  russischen  Nordfront

Der  Februar  1916  verlief  im  allgemeinen  ruhig,
im  März  hatten  sich  die  Verbündeten  auf  der  ganzen
von  Rumänien  bis  zum  Rigaischen  Meerbusen  reichenden
  Stellung  zahlreicher  Angriffe  an  den  verschiedensten
  Stellen  zu  erwehren;  zu  Gegenangriffen
wurde  nur  in  den  seltensten  Fällen  geschritten.  Besonders
  nachdrücklich  grisfen  die  Russen  vom  18.  bis
30.  März  den  deutschen  linken  Flügel  nördlich  von
der  Wilia  bis  Rigas  an,  eine  Entlastungsoffensive
für  die  in  Verdun  um  diese  Zeit  hartbedrängten
Franzosen.  30  Infanteriedivisionen,  zusammen  auf
500000  Mann  geschätzt,  griffen  hier  an.  Mit  einem
Verlust  von  rund  140000  Mann  wurde  der  gegen
die  Front  des  Generalfeldmarschalls  von  Hindenburg
gerichtete  Massenstoß  dank  der  Nöhigket  der  an  Zahl.
wesentlich  unterlegenen  Verteidigung  abgeschlagen.
Die  von  dem  russichen  Sberbesehlbtaber  General
Ewerth  in  seinem  Befehl  für  die  Schlacht  ausgesprochene
  feste  Erwartung,  daß  die  Vertreibung  des
Feindes  aus  den  Grenzen  des  Reiches  gelingen  werde,
hatte  deutsche  Tapferkeit  nicht  in  Erfüllung  gehen.
lassen.  Der  April  brachte  keine  besonderen  Ereignisse,
nur  einen  starken  deutschen  Vorstoß  südlich  vom  Naroczsee,
  der  eine  wesentliche  Verbesserung  unserer

1  Sagl.  die  Karie  B#.  11,  S.  200/7.  —  ?  Vgl.  den  Kriegsbericht
  Vd.  U.  S.  108fl.

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Stellungen  zur  Folge  hatte  und  dem  Feinde  allein
5600  Mann  an  unverwundeten  Gefangenen  kostete.  —
Bis  Ende  Mai  blieb  die  Lage  hier  nun  unverändert,
kleinere  Kämpfe  und  Unternehmungen  füllten  die  Zeit
aus,  es  wurde  jedoch  festgestellt,  daß  hinter  der  russischen
Front  eine  ungewöhnlich  große  Geschäftigkeit  herrschte.

Die  Sommeroffenstve  der  ruszischen  Südfront.
Bald  ergab  sich  denn  auch,  daß  Vorbereitungen
8  einem  gewaltigen  Angriff  in  Beßarabien  und
olhynien:  getroffen  wurden.  Anfang  Juni  begann
  er.  Am  4.  Juni  wurden  die  österr.  Stellunen
  zwischen  dem  Pruth  und  Styrknie  bei  Kolki,
erner  bei  Oly  ka  in  Wolhynien  angegriffen,  die  Länge
der  bedrohten  Front  betrug  nicht  weniger  als  350  km.
Die  in  Wolhynien  an  der  oberen  Putilowka  kämpfenden
  Truppen  mußten  vor  dem  gewaltigen  Ansturm
in  den  Raum  von  Luck  sehr  bald  zurückgenommen
werden,  auch  an  der  unteren  Strypa  wurden  die
Osterreicher  gezwungen,  zu  weichen.  za  ununterbrochenen
  Känu#en  gelang  es  den  Russen,  allmählich  erheblich
  Gelände,  bis  zu  60  km  Tiefe,  zu  gewinnen.
wenn  ihnen  ein  Durchbruch  auch  nicht  gelang.  Standbat
  hielt  bis  Monatsschluß,  trotzdem  beide  Flanken
edroht  waren,  die  an  der  Strypa  kämpfende  Heeresgruppe
  des  Generals  Graf  Bothmer,  und  daß  es
nicht  zu  noch  weiterem  Zurückweichen  kam,  wurde  nur
durch  Heranführung  der  Heeresgruppe  Linsingen
erreicht,  die  es  sogar  möglich  machte,  zum  Gegenangriff
  vorzugehen.  General  Brussiloff,  der  rus.
sische  Oberbefehlshaber,  setzte  sein  Letztes  an  die  Erreichung
  seines  Zieles.  Erst  im  Juli  war  die  große
russische  Offensive  nach  harten  und  wechseluden  Kämpfen
  zum  Stehen  gebracht  worden.  Sie  schloß  doch
mit  ziemlich  großen  Erfolgen  der  russischen  Armeen.
Im  Südteil  der  Bukowina  waren  sie  über  die  Moldova
  bis  nördlich  von  Dorna  Watra,  Jakobeny  und
Capul  vorgedrungen;  den  Schanpaß  hatten  sie  nicht
u  öffnen  vermocht,  trotz  immer  wiederholter  Antürme
  konnten  sie  hier  nicht  weiter  gegen  die  ungar.
Grenze  vorkommen.  Als  sich  die  Russen  in  der  Bukowina
  immer  meifr  verstärkten,  wurden  deutsche
Truppen  dorthin  geschoben;  sie  trafen  im  August  dort
ein.  —  In  der  zweiten  Hälfte  des  Monats  Juli
griffen  die  Russen  wieder  unter  General  Leschitzky  bei
elatyn  und  bei  Tlumacz  in  Richtung  Stanislau  mit
großem  Ungestüm  an,  ein  nennenswerter  Erfolg  blieb
ihnen  versagt.  Erfolgreicher  war  der  am  7.  August
erneuerte  Angriff,  die  österreichisch-ungarische  Armee
Kövess  mußte  Siellung  auf  Stellung  räumen,  gegen
Mitte  August  mußte  auch  Stanislau  aufgegeben
werden.  Einen  sehr  starken  Widerstand  fand  die
Weiterführung  des  russischen  Angriffs  zwischen  dem
Dnujesir  und  Brody  an  der  hier  Rehenken  deutschen
Südarmee  Graf  Bothmer  und  der  österreichisch-ungarischen
  Armee  von  Böhm-Ermolll,  allein  auch  diese
wurden  gezwungen,  nach  und  nach  ihre  Linien  Monasterzyska-Jezierna-Zawize-Brodyausfzugeben
  und  zurückzugehen.
  Sie  kamen  erst  Ende  August  wieder  zum
alten  in  der  Gegend  Jezupol-Westufer  der  Zlota
ipa,  westlich  Monasterzyska—-Westufer  der  Strypa.
westlich  Jezierna-oberer  Serethlauf,  südlich  Brody-Styr,
  nordwestlich  Brody.  Hier  trafen  osmanische
Truppen  zur  Verstärkung  ein.  Anders  hatten  sich  die
Verhältnisse  in  Wolhynien  entwickelt.  Der  hier
Ende  Juli  einsetzende  Massenstoß  der  Russen  endigte

1  Bal.  die  Krtegsberichte  Vd.  II.  S.  205  fl.  u.  L0  fl.