Die Judenemancipation. 675
wahre, die vorherrschende Eigenschaft, die andere nur eine leichte Modificirung
derselben ist. Diess soll keineswegs ein Vorwurf sein, sondern
es ist nur die Feststellung einer Thatsache, welche ihrer Seits durch Reinabstammung
und Geschichte ganz natürlich begründet ist. Auch wünschen
wir keineswegs zu übertreiben. Wir sagen nicht, dass ein Jude nicht auch
als Deutscher füllen und denken kann; wir behaupten nur, und berufen
uns dabei auf die tägliche Erfabrung, dass er nicht bloss als Deutscher
deukt und fühlt, sondern auch als Jude, und dass zwar diese letztere Natur
die vorherrschende , die sich zuerst geltend machende ist. Will etwa Jemand
in Abrede ziehen, dass wenn ein deutscher, ein holländischer und
ein englischer Jude zusammentreffen, sie sich nicht zuerst als Stammesgenossen,
als Angehörige der jüdischen Nationalität betrachten und behandeln,
und daıun erst, sehr in zweiter Linie wenn überhaupt, ihren europäischen
Nationalitäten einen Einfluss gewähren?
Aus dieser Doppelnationalität soll aber nicht etwa der Schluss gezogen
werden, dass den Juden in einem deutschen Staate ein Abzug an
den Menschen- und gewöhnlichen Bürgerrechten zu machen sei. Es wäre
besser, weun kein solcher Bestandtheil der Bevölkerung vorlıanden wäre;
allein er ist einmal da, er fügt sich auch in den deutschen Staat, gehorcht
dessen Gesetzen, trägt dessen Lasten: er soll und muss sich also auch in
demselben frei als Bürger bewegen dürfen. Er soll das volle Recht baben,
unter denselben Voraussetzungen wie jeder Andere alle erlaubten Geschäfte
zu betreiben, sich in Wissenschaften und Künsten nach Belieben auszubilden
und dieselben nach den Gesetzen auszuüben; er soll seine Religion unbeschränkt
und ungehindert bekennen dürfen und es sollen sogar Formen und
Bedingungen beseitigt werden, welche ihm die Ausübung irgend eines
Rechtes oder die Erlangung einer Stellung aus religiösen Gründen unmöglich
machen würde; es ist kein durchschlagender Grund vorhanden, ibn
von der Bekleidung öffentlicher Aemter auszuschliessen, wenn er sich dazu
versteht, sie in derselben Weise auszuüben, wie sie nach den Sitten und
den Bedürfnissen der grossen Mehrzahl gehandhabt werdeu müssen. Das
ohne Zweifel biergegen noch bestehende misstrauische Gefühl wird sich bei
untadelhaften Leistungen wohl allmählig verlieren. Allein es sollte hier
die Gränze sein. Es giebt Funktionen im Staatsleben, welche ein ungetheiltes
vaterländisches Gefühl und ein einlieitliches Interesse an dem deutschen
Wesen und Staate fordern, welche den ganzen und nicht blos den
balben Mann verlangen, bei welchem schon ein Misstrauen in die nationale
Richtung ein Unglück ist. Aufgaben dieser Art sollten aber nur
Männern anvertraut sein, welche blos Deutsche sind. Auch diese den
Juden eröffnet zu haben, erachten wir nicht für politisch richtig. Und wir
lassen uns in dieser Ansicht namentlich auch nicht durch die Hinweisung
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