474 Anhang.
XIII. Troja und Jlion.
Schreiben des Reichskanzlers an Professor Dr. Dörpfeld in Athen.
Berlin, den 25. Januar 1903.
Mein lieber Herr Professor Dr. Dörpfeld!
Durch die Uebersendung des Werkes „Troja und Ilion“ haben Sie
mir eine Freude bereitet, für welche ich Ihnen meinen besten Dank aus—
spreche.
Die stattlichen Bände, die aus der griechischen Hauptstadt ihren Weg
zu mir gefunden haben, rufen mir lebhaft die Zeit wieder vor Augen,
als es mir selbst, vor nunmehr 25 Jahren, vergönnt war, im Schatten
der Akropolis zu weilen 1) und Zeuge zu sein von der stillen, ernsten
Gelehrtenarbeit, die dort im archäologischen Institut geleistet wird, um
die noch verborgenen Schätze des klassischen Altertums zu heben und sie
der Mit= und Nachwelt zugänglich zu machen. Ich habe dem Wirken
des Instituts seitdem stets ein warmes Interesse bewahrt und begrüße
nun als ein neues Erzeugnis dieses Wirkens das vor mir liegende Werk,
das die Ergebnisse der Ausgrabungen in der Troas so anschaulich schildert,
mit besonderer Genugtuung.
Von berufenerer Seite wird es Ihnen und Ihren Herren Mit—
arbeitern an Anerkennung der rein wissenschaftlichen Vorzüge der Arbeit
nicht fehlen. Es drängt mich aber, Ihnen auszusprechen, was ihrem
Werte gegenüber mit mir alle diejenigen unserer Landsleute unmittelbar
und lebhaft empfinden werden, deren Jugend sich an den Idealen des
klassischen Altertums begeistert hat, und denen die homerischen Gestalten
als vertraute Gebilde einer heiteren Welt des Schönen und Heroischen
leuchtend vor Augen stehen: es ist zunächst das Gefühl pietätvoller
Rührung, daß „was verschwand, zu Wirklichkeiten geworden“ ist, indem
uns nunmehr die Stätten deutlich gewiesen werden, an deuen wir die
heilige Jlios mit den Burgen des Priamos und Hektor und die Gefilde
der homerischen Kämpfe zu denken haben. Es ist aber auch das Gefühl
patriotischen Stolzes darüber, daß es deutschen Gelehrten vorbehalten
blieb, auf dem von Heinrich Schliemann gewiesenen Wege fortschreitend,
die Lösung der vielumstrittenen trojanischen Frage herbeizuführen und die
1) Als deutscher Geschäftsträger während der Jahre 1877 und 1878.