Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

298  Die  Entscheidungsschlacht  bei  Königgrätz.

alle  Fernrohre  nach  der  Seite,  woher  die  ersehnte  Hilfe  kommen  soll.  Alles
bleibt  dort  still  und  leer.

Die  Division  Fransecky  hat  in  diesen  schweren  Stunden  die  höchste
Feuerprobe  auszuhalten.  Sie  hatte  schon  vor  zehn  Uhr  morgens  die  Bistritz
überschritten,  bald  nachher  Benatek  zusammengeschossen  und  ein  entsetzliches
Handgemenge  mit  einem  erbitterten  Feind  zu  bestehen  gehabt.

Nachdem  sich  Fransecky  Benateks  bemächtigt,  will  er  auch  den  vor  ihm
liegenden  waldumkränzten  Hügel  bei  Maslowed  gewinnen.  Schritt  vor  Schritt
drängt  er  den  Feind  zurück,  und  als  die  Kugeln  ihm  nicht  rasch  genug  den
Sieg  bringen,  läßt  er  seine  Leute  zum  Bajonett  greifen.  Aus  dem  Walde
von  Sadowa,  am  Fuße  der  Anhöhen,  speien  die  Kanonen  Tod  und  Verderben
auf  die  Anrückenden.  Diesen  Wald  und  das  befestigte  Dorf  Sadowa  den
Osterreichern  zu  entreißen,  stellt  sich  als  unerläßliches  Erfordernis  heraus.
Der  Tod  mäht  entsetzlich  in  den  anstürmenden  Reihen  der  Preußen,  die  der
durch  gedeckte  Stellungen  geschützte  Feind  unaufhörlich  mit  einem  förmlichen
Kugelregen  überschüttet;  dennoch  gelingt  es  nach  Stunden  blutigen  Ringens,
sich  der  Waldungen  und  unteren  Weiler  zu  bemächtigen.  Nun  aber  hatten
die  Preußen  eine  sich  sanft  erhebende  breite  Fläche,  die  zum  Fuße  der  Anhöhen
  führte,  vor  sich,  auf  der  sie  jedes  weitere  Vorrücken  in  ein  sich  von
Minute  zu  Minute  verstärkendes  Kreuzfeuer  führte.  Die  Kanonade  des  Feindes
war  von  furchtbarer  Wirkung.  Angesichts  der  Verluste  einzelner  Heeresteile
  gab  es  Augenblicke,  in  denen  die  tapfersten  Führer  ein  weiteres  Vorgehen
  für  unmöglich  erklärten.  Dennoch  wird  im  Schatten  der  Wälder,
Mann  gegen  Mann,  mit  Kolben  und  Seitengewehr  aufs  grimmigste  fortgestritten.
  Hier  Schlachtgetöse  um  einige  Fuß  breit  blutgetränkter  Erde,
dort  um  den  Besitz  brennender  Dörfer,  deren  Flammenschein  sich  in  weitem
Umkreise  bemerkbar  machtl

Mehrfach  von  der  übermacht  zurückgedrängt,  führt  Fransecky  unbeugsam
seine  Getreuen  immer  von  neuem  vor;  wiewohl  bereits  zwei  Pferde  ihm
unter  dem  Leibe  erschossen  worden,  ertönt  der  Mahn=  und  Bittruf  aus
seinem  Munde:  „Halt,  Kameraden!  nicht  weiter  zurückgehen.  Hier  müssen
wir  bleiben  und  sterben!“  Und  fort  und  fort  dauert  das  heldenmütige
Ringen.  Tot  oder  kampfunfähig  sind  von  seiner  Streitmacht  84  Offziere
und  über  2000  Mann.  Der  Vorteil  des  Tages  neigt  sich  ersichtlich  auf  die
Seite  der  Osterreicher,  welche  noch  über  ansehnliche  Reserven  zu  verfügen
haben  und  die  erschütterte  Mitte  der  Preußen  zu  durchbrechen  drohen.

Gegen  zwölf  Uhr  lauteten  die  Nachrichten,  welche  beim  Könige  über
den  Stand  der  Dinge  an  den  meistbedrohten  Punkten  anlangten,  immer
ungünstiger.  Die  rüstig  sortstreitenden  Kämpfer  wußten,  daß  das  Eintreffen
der  Armee,  die  der  Kronprinz  heranführte,  auf  dem  Schlachtfelde  fest  und
bestimmt  zu  erwarten  sei.  Wird  er  aber  nicht  zu  spät  eintreffen?  Noch
ließ  sich  keine  Spur  von  dieser  Hilfe  bemerken.  —  Der  Feind  wußte  besser,
wie  es  stand,  denn  schon  vor  zwölf  Uhr  mittags  war  ein  Telegramm  des
Festungskommandanten  von  Josephstadt  bei  Benedek  mit  der  Meldung  ein-