Frankreich. (Juli 18.—28.) 225
am 2. Juli Kammer und Senat nach dreijährigen Verhandlungen
zu einem übereinstimmenden Beschluß gelangt waren. (Ueber den
Inhalt siehe die „Uebersicht".)
17. Juli. Die Anklageschrift gegen Boulanger, Nochefort
und Dillon wird in dem Rochefortschen „Intranfigeant"
veröffentlicht,
Es stellt sich heraus, daß das zu Grunde liegende Exemplar aus der
Staatsdruckerei gestohlen ist.
21. Juli. (Manifest Boulangers.) Boulanger, Dillon
und Rochefort beantworten folgendermaßen den Anklageakt gegen sich:
Französische Wähler! Wir hatten es verschmäht, auf die gegen uns
gerichteten Verleumdungen zu antworten. Unsere Enthaltung hat ich gerechtfertigt,
denn die Thatsachen selbst haben unsere Verteidigung übernommen.
Das Parlamentsgericht und die Regierung haben zuerst versucht,
ehrenhaften Offizieren unserer Armee lügenhafte Anklagen ihres ehemaligen
Chefs zu entreißen. — Die Verführer von Zeugen haben darauf nicht gezögert,
sich an rückfällige Verbrecher zu wenden, und sind bis in die Zellen
von Mazas gegangen. — Diese Zeugenaussagen werden mit dem Gelde der
Steuerzahler bezahlt, und diese elenden Pflichtvergessenen klagen den früheren
Kriegsminister an, Staatsgelder veruntreut zu haben. Der öffentliche Abscheu
hat diese Uebelthäter bereits verurteilt, welche die Gerechtigkeit des
Landes demnächst erreichen wird. Aber schon heute tritt zu Tage, daß sie
zete gegen uns vorbringen konnten und nicht den geringsten ernsten Beweis
esaßen.
Euch, Mitbürger, laden wir zu Richtern zwischen uns und diesen
Dieben ein. Wir erwarten voll Vertrauen den Beschluß, den Ihr bald
fällen werdet.
Es lebe das wiedergeborene Frankreich! Es lebe die Republik!
gez. Boulanger. Dillon. Nochefort.
28. Juli. (Generalratswahlen.) Es findet in der Hälfte
der Kantone, 1429 Kantonen, die Erneuerung der Generalräte statt.
Obwohl nun das Gesetz vorschreibt, daß in den Generalrat nur
Männer gewählt werden können, die in dem betr. Departement
ansässig sind, hatten die Boulangisten erst sich entschlossen, ihren
Führer, so oft, als er Aussicht hatte gewählt zu werden, aufzustellen,
dann aber, wie sie behaupteten, den Beschluß gefaßt, von
einer direkten Aufstellung seiner Kandidatur abzusehen.
Eine Berechnung der bei den Generalratswahlen abgegebenen
Stimmen ergibt nun: 1,500,000 Stimmen für die Republikaner,
600,000 für die Konservativen, 158,640 Stimmen für Boulanger.
Gewählt werden 963 Republikaner, 466 Monarchisten und
Boulangisten; Summa 1429 Wahlen. Die Republikaner verlieren
94 und gewinnen 78 Sitze; Boulanger wird im ganzen in zwölf Kantonen
gewählt.
Europ. Geschichtskalender. Bl. XXN. 15