Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

346  Fünftes  Buch.  Der  Zusammenbruch.

mehr,  als  manche  vermuteten.  Während  der  Vater  einst  auf
Kosten  des  großen  Königs  billige  Popularität  erstrebt  hatte,
blickte  er  mit  schwärmerischer  Verehrung  zu  diesem  unerreichbaren
  Vorbilde  auf.  Sollte  doch  Friedrich  einst  von  dem  Knaben
gesagt  haben,  er  werde  ihn  wiederholen.  So  glaubten  manche
diesen  zu  großen  Dingen  berufen  und  sahen  in  ihm  den  Träger
einer  künftigen  Umwälzung.  Zunächst  jedoch  trat  der  neue  Hof
nur  durch  sein  schönes  Familienleben  in  einen  wohlthnenden
Gegensatz  zu  dem  alten,  in  seinem  Mittelpunkte  eine  Frau,
die  prangende  Jugendschöne  mit  seltenen  Gaben  des  Herzens
und  des  Geistes  vereinigte  und  trotz  schlichter  Natürlichkeit  gleich
einer  Lichtgestalt  da  den  Triumph  edler  Weiblichkeit  sieghaft
verkörperte,  wo  bisher  Sinnenlust  und  Sittenlosigkeit  geherrscht
hatten.

Von  stattlichem  Aeußeren,  aber  ungewandt  und  daher  geneigt,
  die  ihn  nie  verlassende  Unsicherheit  und  Befangenheit
hinter  schroffem  Auftreten  und  polternder  Redeweise  zu  verbergen,
  besaß  Friedrich  Wilhelm  III.  nicht  die  Gabe  eindrucksvoller
  Repräsentation,  wie  sie  die  Menge  zugleich  gewinnt  und
beherrscht.  Gerade  nach  dieser  Seite,  die  in  einer  so  entschieden
antimonarchisch  gerichteten  Zeit  besondere  Bedentung  hatte,
fand  er  eine  unvergleichliche  Ergänzung  in  der  ihm  Weihnachten
  1793  angetrauten  Luise  von  Mecklenburg-Strelitz  (geb.
10.  März  1776).  Ihr  Schwiegervater  hatte  sie  als  die  „Fürstin
  der  Fürstinnen“  begrüßt,  und  Prinz  Heinrich  nannte  sie
einen  Engel  und  ein  Muster  an  Lieblichkeit  und  Klugheit.
Wenn  das  Volk  dem  stattlichen  Paare,  das  bereits  drei  blühende
  Söhne  und  ein  liebliches  Töchterchen  umspielten,  zujubelte
und  die  damals  geschlossene  Verbindung  die  folgenden  Prüfungen
bestand,  so  war  das  zum  guten  Teil  dem  Zauber  zu  danken,
den  die  ebenso  weiblich  zarte  wie  tapfere  und  starke  Königin
ausübte,  indem  sie  das  Ideal  einer  deutschen  Hausfrau  und
Mutter  verwirklichte.  Aber  sie  that  mehr.  Ohne  politisch  eine
Rolle  spielen  zu  wollen,  hatte  sie  den  Staat,  dessen  Krone  sie
trug,  und  das  mit  ihm  und  durch  ihn  gewordene  Volk  nicht
bloß  in  ihrer  geschichtlich  begründeten  Eigenart  verständnisvoll
  erfaßt,  sondern  hielt  sie  in  begeisterter  Liebe  umfangen,