Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1916 (3)

50  Unbegreifliche  Untätigkeit  Italiens.  Waffenstillstand  nicht  ohne  geeignete  Friedensbasis.

stand  annehmen,  wenn  Italien  einwilligt  und  er  uns  das  Errungene  sicherte;  es  liegt  auf
der  Hand,  daß  letztere  Bedingung  schwer  zu  erfüllen  ist.  Prinz  Napoleon  empfiehlt  mit
Recht,  Italien  müsse  Mangel  preußischer,  Preußen  Mangel  italienischer  Zustimmung  vorschützen
  und  beide  Krieg  energisch   fortsetzen.²  Letzteres  geschieht  nun  aber  von  Italien  so
wenig,  daß  unser  volles  Vertrauen  zu  der  Rechtlichkeit  des  Königs  und  der  Nation  dazu
gehört,  um  nicht  zu  befürchten,  daß  La  Marmora  von  Hause  aus  auf  Kosten  der  Ehre
seines  Souveräns  und  seines  Landes  ein  betrügerisches  Spiel  mit  uns  gespielt  habe  und
die  jetzige  Session  Venetiens  schon  vor  dem  Kriege  zu  Dreien  abgekartet  worden  sei;  nur  so
erklärt  sich  das  Publikum  die  unbegreifliche  Untätigkeit  der  italienischen  Flotte  und  Armee.
Teilen  Sie  diesen  Verdacht  noch  nicht  mit,  aber  melden  Sie  umgehend  Ihre  Melnung.  Nur
sofortige  energische  Aktion  Italiens  mit  Landarmee  und  Flotte  kann  uns  abhalten,  an  eine
ehrlose  Verräterei  zu  glauben  und  danach  unsere  weiteren  Schritte  zu  bemessen.  Wir  halten
bisher  ehrlich  am  Vertrage,  stehen  zwei  Märsche  vor  Brünn,  und  nur  die  Rückkehr  der
italienischen  Armee  Österreichs  kann  uns  abhalten,  in  10  Tagen  vor  Wien  zu  sein.

Aus  dem  Leben  Th.  v.  Bernhardis,  VII,  160.

*468.  Telegramm  an  den  Botschafter  in  Paris  Grafen  von  der  Goltz.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]

Nach  Goltz'  Bericht  vom  5.  Juli  (s.  dessen  Text  bei  H.  Oncken,  a.  a.  O.,  I,  308)  hätte  auch
Drouyn  de  Lhuys  anerkannt,  daß  der  von  Napoleon  gewünschte  Waffenstillstand  „mit  möglichsten,
  Garantien  gegen  neue  Rüstungen  Österreichs  und  der  süddeutschen  Staaten“  zu  umgehen
  sein  würde.

Zwittau,  den  11.  Juli  1866.

Mit  Bezug  auf  Ew.  pp.  Bericht  vom  5.  bemerke  ich  noch,  daß  Garantien  gegen  neue
Rüstungen  Österreichs  und  der  Süddeutschen,  die  Herr  Drouyn  de  Lhuys  für  den  Waffenstillstand
  für  nötig  erkennt,  immer  trügerisch  bleiben  würden  und  sich  nicht  absehen  läßt,
wo  sie  mit  Sicherheit  gefunden  werden  können.  Auch  darin  liegt  die  Notwendigkeit  der
Aufnahme  einer  für  Preußen  geeigneten  Friedensbasis  in  jeden  Waffenstillstand,  den  wir
nach  Maßgabe  der  telegraphischen  Antwort  des  Königs  annehmen   könnten.¹

*469.  Telegramm  an  den  Gesandten  in  Florenz  Grafen  von  Usedom.

(Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.)

Nach  einem  Telegramm  Usedoms  vom  8.  Juli,  das  in  der  Nacht  zum  11.  in  Zwittau  eintraf,
  wurde  Italien  immer  stärker  von  Napoleon  gedrängt,  endlich  den  Wassenstillstand  anzunehmen.
  Das  italienische  Kabinett  suchte  sich  dem  durch  die  Aufstellung  unannehmbarer  Bedingungen
  zu  entziehen,  besorgte  aber  eine  größere  Nachgiebigkeit  Preußens  und  als  Folge
davon  eine  solche  Steigerung  der  französischen  Pression,  daß  man  den  Widerstand  aufgeben
müsse.  Ricasoli  ließ  sagen,  wenn  Preußen  die  Bildung  eines  franösisch  gesinnten  Kabinetts,
das  den  Frieden  unbedingt  annehmen  würde,  verhindern  wolle,  so  müsse  es  „entweder  seine
Waffenstillstandsbedingungen  so  sehr  verstärken,  daß  sie  ebenfalls  auf  keine  Annahme  rechnen
könnten,  oder  zwar  im  Punkt  der  Waffenstillstandsbedingung  im  Verein  mit  Italien  nachgeben,
dagegen  im  Punkt  der  Friedensbedingung  mit  Italien  zusammen  ein  solidarisches  Programm
aufstellen",  das  man  dann  so  verstärken  könne,  daß  es  zu  nichts  führe.

2  Vgl.  die Vorbemerkung  Nr.  460.
468    1 Der  letzte  satz  eigenhändige Korrektur  Bismarcks  anstatt  des  Abekenschen:  „Auch  dadurch  tritt
dle  Notwendigkeit  auf  Annahme  einer  für  Preußen  geeigneten  Friedensbasis  in  den  Vordergrund."