Full text : Vaterländisches Ehrenbuch II. (2)

Befehl  zur  Schlacht.  291

altklassischer  Wahrspruch;  in  an  Blindheit  grenzender  Selbsttäuschung  gefiel
man  sich  in  der  Umgebung  des  Kaisers  zu  Wien,  von  wo  aus  an  Ritter
Benedek  der  Befehl  ergangen  war,  trotz  aller  geltend  gemachten  Bedenken
sogleich  eine  Hauptschlacht  zu  liefern.

König  Wilhelm  hatte  angeordnet,  daß  nach  den  anstrengenden  Märschen
und  Kämpfen  während  der  letzten  Woche  den  Truppen  ein  oder  zwei  Ruhetage
vergönnt  werden  sollten,  zumal  man  im  Hauptquartier  annahm,  Ritter  Benedek
werde  infolge  der  rasch  hintereinander  erlittenen  schweren  Verluste  nicht  ge—
neigt  sein,  in  den  nächsten  Tagen  eine  Hauptschlacht  zu  wagen.  Die  Einbuße
der  Osterreicher  im  Laufe  einer  Woche  belief  sich  auf  35  000  Mann,  und,
was  noch  mehr  sagen  will,  die  Truppen  hatten  den  erfrischenden  Kriegermut
eingebüßt.  Alles  dies  war  im  königlichen  Hauptquartier  zur  Sprache  gekommen,
  wohin  sich  auch  Prinz  Friedrich  Karl  begeben  hatte.  Kaum  aber
war  derselbe  wieder  nach  seinem  Hauptquartier  zu  Kamenetz  aufgebrochen,  da
vernimmt  man  abends  elf  Uhr  Hufschläge  auf  dem  Marktplatz.  Eilig  reitet
der  Generalstabschef  des  Prinzen,  General  von  Voigts-Rhetz,  heran,  um
zu  berichten,  daß  sich  die  feindliche  Armee  hinter  der  Bistritz  und  diesseit
der  Elbe  zusammenziehe  und  die  am  günstigsten  gelegenen  Höhen  mit  Geschütz
  besetze.

Da  nach  dem  Zustande  der  österreichischen  Nordarmee  deren  Absicht  zu
schlagen  nicht  recht  glaubhaft  schien,  es  auch  gegen  alle  Regeln  der  Kriegskunst
  verstößt,  mit  einem  Flusse  im  Rücken  eine  Schlacht  anzubieten,  so  befahl
der  König,  die  Meldung  dem  General  von  Moltke  zu  wiederholen.  „Hält
dieser“,  sagte  er,  „es  für  nötig,  darauf  hin  Beschlüsse  zu  fassen,  so  wird  man
zu  jeder  Stunde  in  der  Nacht  mich  bereit  finden."

Da  Moltke  nicht  so  rasch,  wie  erwartet,  eintrifft,  meint  der  König,  sein
Generalstabschef  schenke  den  überbrachten  Nachrichten  keinen  rechten  Glauben,
und  legt  sich  aufs  Feldbett  nieder;  aber  kaum  hatte  er  eine  Stunde  geruht,
da  kam  Moltke  mit  dem  General  von  Voigts-Rhetz  im  königlichen  Hauptquartier
  an.  Der  erfahrene  General  riet,  einer  Schlacht  nicht  auszuweichen,
und  so  befahl  der  König,  nun  auch  den  Kriegsminister  und  mehrere  höhere
Offiziere  zu  ihm  zu  bescheiden,  um  alsbald  Kriegsrat  zu  halten.  Sogleich
erscheinen  die  Herangerufenen:  von  Roon,  von  Alvensleben,  von  Treskow  2c.
Alle  sind  darin  einverstanden,  daß  die  Absichten  des  österreichischen  Oberbefehlshabers
  dahin  gehen  möchten,  den  günstigen  Augenblick  zu  benutzen,  um
mit  überlegenen  Streitkräften  gegen  die  erste  Armee  vorzubrechen  und  das
wieder  gut  zu  machen,  was  bisher  versäumt  worden  war.  Der  Beschluß,  das
Vorbrechen  des  Feindes  nicht  abzuwarten,  vielmehr  demselben  durch  einen
noch  kühneren  Vorstoß  zuvorzukommen,  war  ein  kühnes  Unternehmen;  denn
die  ermüdeten  Truppen  bedurften  einiger  Erholung.  Aber  man  wußte  im
königlichen  Hauptquartier,  was  man  von  dem  herrschenden  trefflichen  Soldatengeiste
  erwarten  durfte.  Im  Vertrauen  auf  die  Leistungsfähigkeit  der  Armee
blieb  man  bei  dem  Entschluß,  dem  Feinde  zur  Ausführung  eigner  Angriffsabsichten
  nicht  Zeit  zu  lassen,  sondern  ihn  selbst  am  3.  früh  aufzusuchen.  Zu
solchem  Zwecke  wurden  sofort  Verfügungen  erlassen.

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