Full text : Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Die  bild

enden  Künste:  Malerei,  Bildhauerei  und  Baukunst.

Ed  Jas  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  das  19.  Jahrhundert  Neues  gebracht  hat,  werden  spätere  Geschlechter  deutlicher  als  wir  Die

empfinden.  Denn  wir  siehen  den  Ereignissen  noch  zu  nahe.  Der  Blick  haflet  am  Einzelnen,  die  ireie  Umschau  fehlt.  Malere

Das  19.  Jahrhundert  hat  keinen  Stil,  hiess  es  früher.  Die  Bahnen  aller  Jahrhunderte  hat  es  durchkreist,  die  Formen  aller  von

älteren  Epochen  verwendet.  Man  baute  anfangs  griechisch,  dann  gotisch,  dann  im  Renaissancestil  und  in  dem  des  Barock.  Richard

5ür  die  Bilder  waren  die  beilenischen  Statuen,  dann  die  Werke  der  Italiener,  dann  die  Koloristen  des  17.  Jahrhunderls  Muther.

massgebend.  Was  hat  unser  Jahrhundert  Neues  geschaffen?  Welchen  neuen  Empfindungen  gab  es  Ausdruck?

es  wäre  kurzsichiig,  nur  auf  Werke  hinzuweisen,  die  neue  Aufgaben  mit  neuen  Mitieln  lösten:  auf  Bahnhöfe  und

Markiballen,  Gerichisgebäude  und  Kaufhäuser;  auf  all  die  Bilder,  die  in  neuem  Stil  von  Leben  einer  neuen  Zeit  erzählen.

Huch  die  Renaissance  des  Alten,  das  romantische  Rückwärtsschauen  war  im  Wesen  des  Jahrhunderts  begründet.  Denn  es

war  wohl  eine  Zeit  der  Umwälzungen,  der  Eroberungen  auf  allen  Gebieten  der  Industrie  und  der  Technik.  Aber  eine

seiner  Eroberungen  war  auch  die,  dass  es  zum  erstenmal  die  qesamie  Vergangenheit  überschaute.

Anfangs  überwog  —  in  der  Kunst  wie  im  Leben  —  dieses  rückwärtsschauende  Element.  Die  Sturm-  und  Drangzeit,

die  Revolution  hatte  mil  aller  Vergangenheit  gebrochen,  batte  geglaubt,  die  Religion  stürzen,  die  Eivilisalion  von  vorn

beginnen  zu  können.  Das  19.  Jahrhundert  —  im  Gegensatz  zu  dem  glaubenslosen  Wellbürgertum  der  Aufklärungszeit

—  begann  damit,  dass  es  die  Ideale  des  Ehristeniums  neu  verkündefe.  Ouieta  non  movere,  Gotische  Kirchen  erhoben

sich  allerwärts.  Die  Dazarener,  Overbeck  und  Lomelius,  Schnorr  und  Führich  sahen  im  „Irommen  Mitielalter"  ihre  geistige

Heimat,  suchlen  an  der  Band  der  alten  Ttaliener  eine  neudeuische  religiöse  Kunst  zu  schaffen.

Auch  die  Enttäuschung,  die  auf  die  Freiheitskriege  folgte,  zeifigte  die  Schwärmerei  für  das  Mittelalter.  Uon  einem  grossen

vereinten  Vaterland  hatten  wir  damals  geträumt.  €s  war  ein  Craum  geblieben.  So  flüchtete  man  in  die  Vergangenheit
zurück,  in  jene  siolze  Vorzeit,  die  das  der  Gegenwart  unerreichbare  Ideal  besessen.  Die  alte  Kaiserzeit  stieg  in  leuchtendem
@lanze  aut.  Der  Schatz  der  altdeutschen  Märchen  ward  gehoben.  Karl  der  Grosse,  der  Urabn  deutscher  Kaisergeschlechter,
ward  von  Alfred  Keihel  geleiert.  Schwind  sah  Deutschland  überschatlet  von  alten  tentonischen  Eichen,  von  Feen  und  Nixen,
von  Elfen  und  Kobolden  belebt.  Karl  Friedrich  Lessing  gedachte  wehmütig  der  Zeit,  da  die  Ritier  von  ihren  irotzigen
Burgen  das  Land  beherrschten.
Auf  diese  Romantik  folgte  der  Rationalismus.  DHafte  man  anfangs  in  rein  dichterischem  Sinn  für  das  Mittelalter
geschwärmi,  Tür  dessen  politische  Grosse  und  den  zarten  Duft  seiner  Legenden,  so  trat  nun  die  Geschichtsschreibung  als

-  Macht  in  die  Citleratur  ein.  Schlosser,  Ranke,  Giesebrecht  liessen  ihre  Werke  erscheinen.  Die  alten  Bauten  des  Mittelalters
wurden  „stilecht”  restauriert.  Auch  die  Malerei  sab  ihre  Aufgabe  darin,  korrekte  Bilder  zur  Weltgeschichte  zu  liefern.
Kaulbach,  bei  dem  die  Geschichiswissenschaft  noch  mit  Begelscher  Philosophie  sich  verband,  betrat  als  erster  die  Bahn.  Am
Ende  des  Weges  steht  Menzel,  der  das  Zeitalter  des  alten  Fritz  mit  ardivalischer  Genauigkeit  beschrieb.
Mi  der  Erweiterung  des  historischen  ging  die  des  geographischen  Borizontes  parallel.  Denn  wie  die  Geschichtswissenschaft
die  ganze  Vergangenheit,  halten  Dampischiff  und  Eisenbahn  die  ganze  Welt  erschlossen.  Länder,  die  keines  Europäers
suss  beireten,  waren  mühelos  zu  erreichen.  50  entstand  als  neue  literarische  Gallung  der  Reiseroman.  Auch  die  Maler
zogen  in  alle  Well,  nach  Skandinavien,  nach  dem  Orient,  nadı  Südamerika  und  Tertigten  Ansichispostkarten  des  Erdballes  an.
Riexander  von  Humboldt,  der  Verfasser  des  Kosmos,  fand  in  Eduard  Hildebrandt,  dem  Maler  des  Kosmos,  sein  Gegenstück.
Gegenüber  all  dem  (underbaren,  das  Vergangenheit  und  Fremde  bot,  mussten  Gegenwart  und  Heimat  zurückstehen.

Kunst  |  1