Volltext: Der Mündliche Vortrag. Erster Teil. Die reine und deutliche Aussprache des Hochdeutschen. (1)

Vorwort. IX 
zusetzen, es allmählicher zu machen, dürfte doch gelingen. Das 
Abschleifen der Sprache geschieht hauptsächlich durch die Nach- 
lässigkeit der Umgangssprache, der Sprache im Verkehr des täg- 
lichen Lebens. Der Damm nun, den man diesem Abschleifen 
entgegensetzen kann, ist die Ausbildung der Kunst des Vortrags. 
Der noch immer bedeutende Wohlklang unserer herrlichen Sprache, 
wie er uns jetzt noch aus der klassischen Zeit unserer Litteratur 
überliefert ist kann nur erhalten werden, wenn man mit Absicht, 
mit Bewußtsein dem Abschleifen durch die Zeit entgegentritt, 
und das geschieht nur dadurch, daß man der nachlässigen 
Umgangssprache die bewußte des geübten Vortrags entgegensetzt. 
Deshalb ist es namentlich Aufgabe der Schule, den Vortrag zu 
lehren und zu üben, denn nur von der Schule aus kann der 
Begriff und das Bewußtsein des Wohlklangs unserer schönen 
Sprache ins Volk dringen. Auch aus diesem Grunde mag sich 
das Erscheinen dieses Buches rechtfertigen. 
Jeder Lehre vom Vortrage stellt sich eine große, schwer zu 
besiegende Schwierigkeit in den Weg. Es handelt sich nämlich 
dabei immer um die Betonung, um den Ton. Die Töne lassen 
sich aber weder definieren noch auch nur annähernd beschreiben. 
Man kann also hierbei immer nur durch Umwege, durch Ver- 
gleichungen 2c. zum Ziele kommen. Um ganz gut sprechen zu 
lernen, muß man erst das Ohr an den Unterschied der Töne 
und der Betonung gewöhnen, man muß zuerst richtig hören 
lernen. Eben bei der Kunst des Vortrags muß man sich vor 
nichts mehr hüten, als vor Täuschungen des Ohres. 
Die wesentlichsten Erfordernisse eines guten Vortrags sind: 
1) Deutlichkeit und Reinheit der Aussprache. 
2) Richtige Betonung der einzelnen Silben, 
Wörter und Sätze.