Metadata : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

mählich.  Wie  ich  ja  auch  in  der  Richtung  schon  zu  sprechen  mir  erlaubt  habe.
Er  steht  sich  vortrefflich  mit  seinen  beiden  älteren  Brüdern,  dem  Großfürsten
Wladimir  und  Alexel.  Besonders  letzterer  hat  sich  außerordentlich  zu  seinem
Vorteil  verändert.  Seitdem  er  die  Marineverwaltung  mit  ihrer  schweren
Verantwortung  —  obwohl  mit  größtem  Widerwillen  anfänglich  —  übernommen
  hat,  ist  er  viel  ernster  und  gesetzter  geworden.  Ich  hatte  auf  meiner
Fahrt  nach  Kronstadt  die  Gelegenheit,  länger  mit  ihm  zu  sprechen,  und  deutete
er  mir  im  Laufe  des  Gesprächs  leichthin  nur  an,  welche  fürchterlichen  Zustände
  er  bei  der  Ubernahme  vorgefunden,  auch  war  er  beim  Umgang  in
Kronstadt  sehr  gut  versiert  in  den  verschiedenen  Ressorts,  und  gab  er  mit  der
größten  Hiebenswürdigkeit  und  Offenheit  sedweden  erbetenen  Bescheid.

Der  Großfürst  Wladimir  gibt  sich  viel  mit  den  unter  ihm  stehenden
Truppen  ab,  ist  gut  zu  Hause  in  allem,  so  das  Reglement  und  die  militärische
Organisation  betrifft.  Doch  höre  ich,  soll  er  das  alles  mehr  aus  Pflichtgefühl  als
aus  Passion  tun.  Wie  auch  der  größte  Teil  der  anderen  dienenden  Großfürsten.
Der  „furor  militaris“,  der  bei  uns  in  der  Familie  tradstionell  und  selbstverständlich
  ist,  scheint  ihnen  sedoch  nicht  inne  zu  wohnen.  Nicht  minder  herzlich
  ist  das  Berhältnis  des  Kaisers  zu  seinen  beiden  Oheimen,  die  beide
stramm  zu  uns  halten.  Die  einzige  Gefahr  ist,  daß  im  Gefolge  des  Kaisers
oder  auch  aus  dem  größeren  Kreise  der  Bekannten,  eine  Persönlichkeit  mit
Geschick  ihm  feindselige  Einflüsterungen  machen  könnte.  Dagegen,  glaube
ich,  müßte  wohl  die  Haupttätigkeit  unserer  Diplomaten  gerichtet  sein.

Der  Großfürst  Sergius  nimmt  eine  besonders  seit  letzter  Zeit  isolierte
Stellung  in  der  Familie  ein.  Er  ist  stets  einsilbig,  macht  fortwährend  ein
mißvergnügtes  Gesicht  und  ist  der  einzige,  der  mir  gegenüber  nie  über  die
kälteste  Oöflichkeit  hinübergekommen  ist.

Die  kleine  Elisabeth  von  Altenburg  hatte  durch  die  bekannte  Berweigerung
  des  Kreuzkusses  die  gesamte  Familie  arg  verschnupft,  und  sind  die  letzten
Uberreste  dieses  Gefühls  noch  nicht  so  ganz  verschwunden.  Ich  hatte  die  Gelegenheit,
  mit  ihr  darüber  zu  reden,  und  gab  sie  mir  zu,  daß  sie  doch  eine
Dummhett  begangen  habe,  allerdings  durch  kurzsichtige  Gelstliche  zu  Haus
falsch  instruiert,  und  auch  aus  Furcht,  zum  Ubertritt  gezwungen  zu  werden.
Ich  beruhigte  sie  über  den  letzten  Punkt  und  wies  sie  auf  das  Beispiel  der
Großfürstin  Wladimir  hin,  die  ja  auch  nicht  übergetreten  sei.  Letztere  wirkt
ranwtegsüh  für  die  deutsche  Sache  und  ist  sehr  beliebt  in  und  außer  der

amilie.

Was  die  Stellung  von  Werder  betrifft,  so  ist  es  nicht  leicht,  sich  ein
klares  Bild  von  ihr  zu  machen.  Jedenfalls  ist  sie  nicht  mehr  so  wie  früher.
Der  Kaiser  ist  zwar  sehr  höflich  und  freundlich  für  ihn,  doch  zieht  er  ihn  nie
besonders  vor  anderen  zu  sich  heran,  noch  bespricht  er  irgendwelche  Fragen
von  Wichtigkeit  mit  ihm,  so  daß  er  doch  den  Eindruck  macht,  als  ob  er  etwas
überflüssig  hier  wäre  und  General  v.  Schweinitz  ganz  genüge.  Beide  sind

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