Das
deutsche
Beerwesen
von
v. Boguslawski.
Deutschlands Wehrstand.
ie französische Revolufion hafle die Yolkskraft für den Kriegsgebrauch entfessell. Sie irat damit in Gegensatz zu dem
System der Soldheere und beschränkter Hushebung der Landeskinder, wie letztere z. B. in Preussen bestand. Indem
Napoleon die neu auftretenden Kräfte zusammenfasste, entstand das Kriegssysiem, den Gegner durch rasche und entscheidende
Schläge zu treifen, nicht das strategische Manöver, sondern die Schlacht als Hauptimomeni der gesamten Kriegshandlung zu
betrachten, ohne auf ersteres zu verzichten; die Bilfsquellen des Landes gehörig durch Requisition auszunutzen; die Lineariaktik
des 18. Jahrhunderts durch den Stoss der Kolonnen umd die zersireute Fechtart zu ersetzen. Die Einteilung der
mobilen Armee in Korps und Divisionen gab den Unterführern zum Beil des Ganzen eine gewisse Selbständigkeit, welche
sih in den eng zusammenbängenden Schlachtlimen des 18. Jahrhunderts nicht in demselben.Masse hatte entialten können.
In seinen Grundzügen besteht dies System noch heute, aber die ungeheuren technischen Veränderungen haben bedeutende
Modifikationen im Laufe des scheidenden Jahrhunderts herbeigeführt. Wir wollen sie in bauptsächlicher Anlehnung an die
Entwickelung Preussens und Deutschlands mit einigen Strichen zu zeichnen versuchen.
Schon die Regierung der ersten Republik liess, nach Abwehr der Invasionsgefahr, das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht
wieder insofern fallen, als die Stellvertretung gestattet wurde. Aehnlich bandelten die übrigen grossen europäischen Kontinental«
mächle nach dem Sturz Napoleons I, während England bei dem Werbesystem verharrte. Mur Preussen, dessen Beer durch
die vorzugsweise von Scharnhorst geleitelen Reformen zu neuem Leben erwacht war, enischied sich dafür, die allgemeine
Wehrpflicht endgültig einzuführen und zu gleicher Zeit neben dem stehenden Beer die Landwehr, welche sich in den Freiheilskriegen
bewährt hatte, beizubehalten, allerdings in anderer Verfassung wie in jener Zeit. Denn während die Landwehr jener
Kriege aus allen den Männern im Alter von siebenzehn bis vierzig Jahren bestand, welche im stehenden Beer nicht gedient
hatten, setzte sich die nach den Freiheitskriegen errichtete — wie auch die jetzige — aus den älteren Jahrgängen der
entlassenen Soldaten zusammen. Die Kriegsreserve, späler nur Reserve genannt, diente zur unmittelbaren Verstärkung
des stehenden Heeres. Dem System der allgemeinen Wehrpflicht mit seinen späleren organisatorischen Verbesserungen verdankt
Preussen, und 1870/71 ganz Deutschland, grösstenteils die enormen kriegerischen Erfolge, welche zur Errichtung des neuen
Deutschen Reiches führten, Während die französische Armee in Algier, die russische in Asien und der Cürkei, die englische
in Indien Gelegenheit zu kriegerischer Chätigkeit fanden, war dies der preussischen Armee in der Zeit von 1815 bis 1848
nicht beschieden, jedoch gaben die Mobilmahhung von 1830 und die kurzen Kriegsepisoden von 1848/49, endlich die Mobilmachungen
von 1850 und 1859 Gelegenheit, die Mängel der preussischen Organisation zu erkennen. Diese bestanden in
der nicht genügenden Anzahl der Kadres, um alle Wehrpflichtigen aufzunehmen, in einer zu lockeren Organisation der
Landwehr und zu hohem TLebensalier der Wehrmänner. Als nun Napoleon IL, durch eine newe grosse Kriegsepoche (Krimkrieg,
Italienischer Krieg von 1859) die Welt mit Erstaunen und Unruhe erfüllte, wurden diese Mängel der preussischen Organisation
durch die grosse Reform von 1860, trotz des unsachlichen Widersirebens einer Majorität des Abaeordneienhauses, beseitigt.
Diese Reorganisation vermehrte die Kadres, ermöglichte dadurch eine grössere Aushebung und gab der Landwehr eine
richtige Stellung im Teeresorganismus, nämlid die, hauptsächlich in zweiter Linie verwendet zu werden. Auch wurde
damals die Gesamtdienstzeit von 19 auf 12 Jahre verringert. In dieser Verfassung fochten wir die Kriege von 1864, 66
und 70/71 durch, und das erstaunte Europa beeilte sich nunmehr, eine der unsrigen ähnliche Oraanisalion anzunehmen.
Zu dieser gehörte auch die Einteilung der Armee in Armeekorps und deren Umntereinbeiten schon im Frieden, sowie
die Abgrenzung von Cerritorialbezirken mit militärischen Kommandos (Landwehrbataillonsbezirke) zur Kontrolle und
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