Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

234  Sypenien.  (April  5.—19

gelassen.  Der  geplante  Generalstreik  mißlingt;  nur  in  Valladolid  kommt
es  zu  einem  Ausstand  der  Eisenbahner.

5.  April.  Der  span.  Handelsdampfer  „San  Fulgencio“  wird
auf  der  Fahrt  von  einem  engl.  Hafen  nach  Brest  von  einem  deutschen
  U-Boot  versenkt.

10.  April.  Das  „Amtsblatt“  gibt  die  Neutralitätserklärung
Spaniens  in  dem  deutsch-amerik.  Streitfall  bekannt.

14.  April  Der  span.  Erzdampfer  „Tom“  aus  Bilbao  wird  auf
der  Fahrt  von  St.  Jean  de  Luz  (Frankr.)  nach  Cardiff  von  einem
deutschen  U-Boot  versenkt.

19.  April.  Rücktritt  des  Kabinetts  Romanones.  Bildung  des

Kabinetts  Garcia  Prieto.

In  einem  Ministerrat  (am  18.)  macht  Ministerpräsident  Graf  Romanones
  den  Vorschlag,  die  Cortes  einzuberufen,  um  ihnen  mitzuteilen,  daß
die  bis  dahin  befolgte  strenge  Neutralität  nicht  länger  mehr  eine
Bürgschaft  für  die  Sicherheit  des  Lebens  und  Eigentums  der  Spanier
biete,  und  daß  eine  sofortige  und  entschiedene  Anlehnung  an  England
und  Frankreich  geboten  sei,  selbst  auf  die  Gefahr  eines  Bruches  mit  Deutschland.
  Einige  Kabinettsmitglieder,  vor  allem  der  Justizminister  Alvarado  und
der  Unterrichtsminister  Burell,  erklären  sich  jedoch  entschieden  gegen  diesen
Vorschlag,  der  mit  der  Stimmung  des  span.  Volkes  nicht  im  Einklang  ftehe.

Graf  Romanones  reicht  darauf  dem  König  sein  Entlassunge
gesuch  ein.  Zur  Begründung  seines  Rücktrittes  fügt  er  folgende  Denk.
schrift  bei:  Die  fest  gewonnene  Ueberzeugung,  daß  die  Verteidigung  de:r
Lebens  und  der  Interessen  Spaniens  nicht  wirksam  durchgeführt  werden
könne,  solange  unsere  dem  Kriege  gegenüber  betriebene  Politik  sich  in  denselben
  engen  Grenzen  wie  bisher  bewegt,  zwingt  mein  Gewissen  als  Patriot
und  Regierender,  der  ich  die  gegenwärtigen  und  künftigen  Verpflichtungen
des  Vaterlandes  kenne,  vor  S.  Maj.  und  der  Nation  die  nachfolgenden  in
diesem  Dokument  enthaltenen  Erklärungen  abzugeben  und  den  unwiderruflichen
  Entschluß  zu  fassen,  zu  dem  eine  derartige  Ueberzeugung  zwinge:.
Meine  Absicht  war,  diese  Frage  dem  Parlamente  zu  unterbreiten.  Dazu
mußte  jedoch  die  Regierung  jene  konkreten  Lösungen  zur  Beratung  bringen,
bei  deren  Ueberprüfung  im  Ministerrate  mir  nicht  gelang,  die  unerläßliche
  Einigkeit  zu  erzielen.  Ich  bin  stets  der  Ueberzeugung
gewesen,  daß  die  internationale  Politik,  die  einen  Aufschwung  Spaniens
gestatten  würde,  die  im  Jahre  1902  begonnene  sei.  Diese  Politik  wurde
von  einer  Regierung,  der  anzugehören  ich  die  Ehre  hatte,  begonnen  und
in  den  Verträgen  von  1904  und  1905  sowie  in  den  Erklärungen  von
Cartagena  in  den  Jahren  1907  und  1913  wiederholt  betont.  Der  Kriegsausbruch
  stellte  die  Entwicklung  dieser  Politik  ein;  meiner  Meinung  nack
jedoch  durfte,  noch  konnte  er  sie  verändern.  Der  Lauf  der  Ereignisse  hat
mich  in  meiner  Ueberzeugung  bestärkt.  Als  ich  vor  einigen  Wochen  dem
Parlament  die  Note  über  den  verschärften  U.  Bootkrieg  bekanntgab,  be.
hauptete  ich,  daß  das  Leben  Spaniens  nicht  unterbrochen  werden  würde.
Ich  erkläre,  daß  trotz  aller  Anstrengungen  der  Regierung  das  Leben
Spaniens=  Gefahr  läuft,  unterbrochen  zu  werden.  Ich  bin  zu  der
festen  Ueberzeugung  gelangt,  daß  die  Probleme,  welche  der  Frieden  künftig
allen  Nationen  vorlegen  wird,  von  Spanien  fordern,  daß  es  die  im  Jahre
1902  eingeschlagene  Politik  nicht  ändere,  ohne  daß  jedoch  diese  Politik  es