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wandte. Einmal nahm er mit ihr den Spaniern ein Kriegsschiff fort, als sie sich
geweigert hatten, ihm die versprochene Kriegsunterstützung zu zahlen. — An der
Goldküste in Afrika nahm Friedrich Wilhelm einen Landstrich in Besitz und legte
dort das Festungswerk Groß-Friedrichsburg an. Die Kolonie konnte aber nicht recht
zur Blüte kommen, daher hat sie Friedrich Wilhelm I. später an die Holländer
verkauft.
Mit Genugtuung konnte der Große Kurfürst am Ende seines Lebens auf seine
Regierungszeit zurückblicken. Er hinterließ einen festgefügten Staat, der den Keim
künftiger Größe in sich trug.
Xll. Begründung der Srohmachtitellung Preußens.
1. Friedrich III. (I.) 1688—1718.
Der Große Kurfürst hatte Brandenburg zum mächtigsten Staate Deutschlands
erhoben. Er besaß ein großes, schlagfertiges Heer, und sein Land war größer als
manches Königreich. Sein Sohn und Nachfolger wollte nun seinem Staate auch
den äußeren Glanz verleihen und strebte daher nach der Königskrone. Er konnte
die königliche Würde nur an das Herzogtum Preußen knüpfen, wo er vom Reiche
unabhängig war. Kaiser Leopold fürchtete zwar die wachsende Macht des branden-
burgischen Herrscherhauses; allein nach einigem Zögern gab er seine Zustimmung
und Friedrich setzte sich am 18. Januar 1701 in Königsberg unter festlichem Ge-
pränge die Königskrone auf das Haupt.
Der König, der als Kurfürst Friedrich III. hieß, nannte sich von jetzt ab Friedrich I.
Alle seine Untertanen waren nun Preußen, und die schwarz-weiße Fahne wehte
allen voran; der preußische Adler war das gemeinsame Wappen aller Landesteile.
So hatte Friedrich durch diese wichtige Tat seine Lande noch mehr geeint und ihnen
höheren Glanz gegeben. Nach einem Wort Friedrichs des Großen wollte der König
seinen Nachfolgern sagen: „Ich habe euch einen Titel erworben: macht ihr euch
dessen würdig!“
Durch eifrige Pflege von Kunst und Wissenschaft erwarb sich Friedrich I. viele
Verdienste um das geistige Leben seines Landes. Leider ließ er sich in diesen Be-
strebungen und bezüglich seiner Hofhaltung von dem Glanze Ludwigs XIV. blenden;
französisches Wesen wurde bei Hofe eingeführt; man lleidete sich französisch, sprach
französisch und ahmte überhaupt alle französischen Sitten und Gebräuche nach. Prun-
kende Feste und kostspielige Bauten verschlangen ungeheure Summen. Dazu kamen
die Kosten, die durch Preußens Beteiligung am spanischen Erbfolgekrieg erwuchsen,
so daß der König eine schwere Schuldenlast hinterließ.
Da war es ein Glück für Preußen, daß nun ein Herrscher folgte, der in vielen
Stücken das Gegenteil seines Vaters war.
2. Soldatenleben im 18. Jabrbundert.
1. Werbungen. An die Stelle der umherziehenden Söldnerscharen waren
nach und nach die stehenden Heere getreten. Aber auch diese waren geworben. Vor-
zugsweise waren es arbeitsscheue Leute, ungeratene Söhne, bankerotte Kaufleute,
stellenlose Beamte usw., die dem „Kalbfelle“ folgten. Je nach der Größe empfingen