86 4. Das preußische Königtum. Friedrich I und Friedrih Wilhelm 1.
Innern dem wejteuropäifchen Kulturleben näher zu bringen beflifien
war, nunmehr fein Neich auch räumlich diefem europäischen Leben
näher rüdte, indem er jeine Grenzen bi3 zur Oftfee vorjchob. Noch
während des Krieges hatte er auf damals noch fchwedischem Boden
die neue Hauptftadt gegründet, der er jeinen Namen gab, St. Betersburg,
— eine neue, und wenn man die älteren Hauptjtädte Notwgorod,
Kiew, Moskau mitberüdfichtigt, die vierte große Station in
der Geichichte der Entwicklung diejer ruffischen Welt.
Die nächjten Sahrzehnte nach Herftellung des Friedens bis
zum Zode des Kaijer Karl VI find ausgefüllt mit einer Reihe
bon politischen Verwicdlungen oder, wie unjere heutige Heitungs-Iprache
e3 ausdrüct, ragen: der fpaniich-italtenischen, türkiichen,
polnischen und anderen, die bei der engen Verbindung der europäifchen
Staaten und den ineinander verflochtenen Suterefjen einzelner
der dDeutichen Fürftenhäufer, des öfterreichiichen, Hanndverischen, fächftichen,
auch für Deutichland ein großes mittelbares, aber doch nur
ein mäßiges unmittelbares Intereffe hatten und für die deutjchen
Bevdlferungen wenig oder nichts bedeuteten. Die Regierung Kaifer
Karls VI, der fich ungern in die Beitimmungen der Friedensichlüffe
gefügt Hatte und noch geraume Zeit den Bourbon auf dem fpanijchen
Thron nicht anerfannte, war allerdings in allen diefen Fragen Direkt
beteiligt; für da8 Haus Habsburg waren fie wichtig, für Deutichland
hatten fie nur mäßige Bedeutung. Kaifer Karl Hatte in den
Kriegen, die für ihn geführt worden waren, auch felbjt eine tätige
Rolle gejpielt und die Welt gefehen. Aber er war ein Mann von
gewöhnlichen Geift, ohne höhere Gefichtspunfte, und Hatte aus
Spanien eine Gefellichaft von vornehmen Herren mitgebracht, denen
er zum Ürger des deutjchen Hochadels großen Einfluß geftattete.
Auch das enge und fteife Wejen hatte er im Gegenjab zu jeinem
umgänglicyeren und bemweglicheren Vorgänger Sojeph I aus Spanien
importiert. Er war bejtrebt, im Weich das Ffaiferliche Anjehen
werigitens äußerlich mehr zur Geltung zu bringen, was ihm zumal
gegenüber dem Glanze oder der Machtitellung notwendig erichien,
welche die neu erlangte Königswürde den Häufern von Hannover,