Full text : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

126  6.Srtedrich  der  Große  u.  Maria  Therefia  in  den  Friedensjahren  1745—  1756.

reformieren;  da8  Mipverhältnis  zwilchen  dem  Umfang  des
Staate3  und  feiner  neuen  Großmadtitellung  nötigten,  die  Gefahren
  der  Yufunft  vorauszudenfen,  Kräfte  zu  jammeln:  und  hier
Ipriht  die  Tatfache  eine  beredte  Sprache  für  die  Bedürfnislofigfeit
  und  Sparjamfeit  von  König  und  Untertanen,  daß  im  Sahre
1756,  aljo  elf  Sahre  nach  dem  ?Friedenzichluß,  wieder  dreizehn
Millionen  Reichstaler  im  Schabe  lagen.  Bon  den  zwölf  Millionen
jährlicher  Einkünfte  wurde  der  größte  Zeil  auf  das  Heer  verwendet,
an  dem  unaufhörlich  gearbeitet  und  das  beitändig  vermehrt  wurde.
E3  Hatte  jchon  im  Sahre  1752  die  im  Verhältnis  zur  Bevölferung3-zahl
  Preußens  erftaunliche  Stärfe  von  Hundertjech3unddreißigtaujend
  Mann  erreiht.  Der  Rekrutenfang  für  das  preußifche
Heer  blühte  noch  immer,  ja  mehr  al3  zur  Zeit  Friedrich  Wilhelms:
e3  fonnte  einem  jungen  Kandidaten,  der  harmlos  auf  fremdem
Boden  feiner  Straße  ging,  begegnen,  daß  er  einem  der  Tiftigen
und  allerwärt3  lauernden  Werber  in  die  Hände  fiel  und,  von  ihm
getäuscht,  des  andern  Tages  im  preußilchen  Soldatenjtand  erwachte,
aus  dem  fein  Entrinnen  war,  fo  daß  er  —  wir  |prechen  von  einem
wirklichen  Yale  —  von  Glüc  jagen  fonnte,  wenn  er,  nachdem  er
einige  Sahre  jeine®  Lebens  verloren  hatte,  endlich  auf  allerlei
Ummwegen  die  zreiheit  wiedergetvann.  Der  Unterjchleif  und  Die
Beftehung,  die  in  anderen  Heeren  eine  jo  große  Nolle  jpielte,
war  hier  unbefannt;  wer  in  den  Liften  ftand,  ftand  auch  in
Wirklichkeit  auf  den  Beinen;  auch  war  der  Ruf  des  preußiichen
Heeres  längjt  in  der  ganzen  Welt  feftgegründet.  Der  Gedanke,  nicht
zwar  das  Bolf  in  Waffen,  aber  der  Staat  in  Waffen  zu  fein,
erzeugte  ein  Ehrgefühl,  das  nicht  bloß  in  den  Offizieren  lebte  und
wirfjam  war,  und  da3  zugleich  ein  preußiiches  Nationalgefühl  ins
Leben  rief.  Der  König  verjtand  es,  diefe  Kraft  zu  weden.  Die
Anrede  an  den  einzelnen,  auch  den  hohen  Offizier,  war  das  barjche
„Er”;  wenn  er  die  Offiziere  in  größerer  Zahl  verfammelte,  redete
er  fie  mit  „Sie“  an:  „bedenken  Sie,  daß  Sie  Preußen  find“,  jagte
er  ihnen  vor  der  Schlacht  bei  Leuthen,  und  der  Name  Preußen
drängte  allmählich  den  partilulariftiichen  Stolz  der  einzelnen  Bro-