Volltext : Der Fehlspruch von Versailles.

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und  seine  Herrschaft  auf  der  Balkanhalbinsel  aufzuhalten  vermöchte.“
England  suche  es  auf  diesem  Wege  zu  ermutigen,  ohne  daß  man  in  Wien
auf  seine  platonischen  Ratschläge  eingegangen  sei.  In  Wien  und  vor  allem
in  Ungarn  sei  man  über  das  Ausbleiben  der  deutschen  Unterstützung  sehr
enttäuscht,  aber  die  Regierung  habe  sehr  wohl  verstanden,  daß  Deutschland
  nicht  durch  sein  Eintreten  für  Bulgarien  die  von  ihm  über  alles  gefürchtete
  französisch-russische  Allianz  habe  fördern  wollen,  und  daß  es
daher  lieber  in  Ruhe  den  Verlauf  der  Begebenheiten  abwarte.  So  habe
man  sich  denn  auch  in  Wien  abgefunden  und  es  erfreut  begrüßt,  daß

-Rußland  wenigstens  in  Bulgarien  nicht  militärisch  eingeschritten  sei.
Eindringlich  hebt  der  belgische  Wiener  Bericht  hervor,  daß  der  sehr
nervöse  Zar  sich  jetzt  ganz  und  gar  von  den  Gedankengängen  des  Moskauer
  Journalisten  Katkoff  leiten  lasse  ;  die  Befürchtung  sei  nicht  von  der
Hand  zu  weisen,  daß  er  sich  in  einem  Augenblicke  der  Erregung  zu  außergewöhnlichen
  Maßregeln  hinreißen  lasse,  deren  Folgeerscheinungen  den
Weltfrieden  bedrohen  könnten.

Daß  die  oben  gegebene  Beurteilung  der  Bismarckschen  Gedankengänge
  auch  von  anderen  Diplomaten  geteilt  wurde,  erweist  ein  Berliner
Bericht  vom  29.  Oktober  1886’),  in  dem  es  von  ihm  hieß:  „Seine  Politik
besteht  darin,  den  Krieg  durch  Pflege  des  Dreikaiserbundes  aufzuschieben
und  gleichzeitig  um  jeden  Preis  ein  Bündnis  Rußlands  mit  Frankreich
zu  verhindern.“

Diese  seine  Sorge  war  nur  allzusehr  berechtigt,  denn  bereits  bemächtigte
  sich  die  russisch-französische  Presse  des  für  Deutschland  so
außerordentlich  gefährlichen  Gedankens  eines  Zusammenschlusses.  ‚Der
bezeichnende  Zug  der  russischen  Presse‘‘,  so  berichtet  der  belgische
Gesandte  aus  Petersburg  am  3.  Dezember  1886?),  „ist  gegenwärtig  eine
außergewöhnliche  Liebenswürdigkeit  für  Frankreich.  Sie  bemüht  sich,
es  als  zukünftigen  Verbündeten  hinzustellen,  der  im  Falle  eines  österreichisch-ungarischen
  Konfliktes  die  Kräfte  Deutschlands  zu  binden
haben  würde.‘  Auch  bilde  Frankreich  für  Rußland  ein  nützliches  Gegengewicht
  gegen  England.  Dieser  Grundauffassung  entsprach  es,  daß
Freycinets  Reden  über  die  äußere  Politik  Frankreichs  in  Rußland  fast
von  der  ganzen  Presse  sehr  günstig  besprochen  wurden.  Mit  Unruhe  erwartete
  man  daher  die  Äußerungen  des  Fürsten  Bismarck  über  die  Gesamtlage
  im  deutschen  Reichstage.  Man  erhofft  von  ihm  ein  deutliches
Wort,  da  er  nicht  die  Gewohnheit  habe,  seine  Meinung  und  seine  Absichten
zweideutig  auszudrücken  (en  termes  ambigus).  Der  belgische  Gesandte
stellt  aber  schon  im  voraus  fest,  daß  von  dem  Dreikaiserbunde  nicht  mehr
viel  zu  erhoffen  sei,  da  das  gute  Einvernehmen  zwischen  Österreich  und
Rußland  nicht  mehr  als  dauerhaft  bezeichnet  werden  könne.  ‚Mein
persönliches  Gefühl  ist,‘‘  meint  er,  „daß  in  absehbarer  Zeit  der  Krieg  unvermeidlich
  geworden  sein  wird,  und  natürlich  wird  die  Türkei  in  erster
Linie  die  zerbrochenen  Töpfe  zu  bezahlen  haben.  Dieser  Krieg  ist  nicht

1)  Bd.  V,  8.  59.
2)  Bd.  V,  S.  155  ff.