Full text : Armee-Verordnungs-Blatt Vierter Jahrgang (4)

§  1.  A.  Begriff  des  Staates.  —  B.  Entstehung  des  Staates.

Ständige  Besorgung  bestimmter  Staatsaufgaben  überträgt  und  sich
selbst  nur  ein  Aufsichtsrecht  über  die  Ausführung  seiner  Befehle  sichert.
(Vergl.  S.  13,  §  3.  B.)

B.  Entstehung  des  Staates.  Die  ersten  Anfänge  einer
solchen  unbeschränkten  Herrschaft,  die  wir  heute  „Staat"  nennen,  liegen
natürlich  weit  zurück  in  der  Vergangenheit,  sie  finden  sich  zweifellos  in
der  Familie:  die  natürliche  Hülflosigkeit  der  Kinder,  ein  Achtungsgefühl
gegen  die  Eltern,  besonders  gegen  den  Vater,  gaben  diesem  eine  völlig
selbständige  und  uneingeschränkte  Herrscherstellung  innerhalb  der  Familie,
deren  Glieder,  da  kein  höheres  Wesen  über  der  Familie  existirte,  vollständig
  seiner  Willkür  preisgegeben  waren,  deren  Leben  und  Tod  in
seiner  Hand  lag.  Wuchs  die  Familie,  wuchs  naturgemäß  auch  die  Macht
des  jeweiligen  Familienoberhauptes:  neben  seinen  Kindern  hatte  er  jetzt
seine  Enkel  und  auch  noch  deren  Kinder  zu  beherrschen;  er  war  das
Haupt  der  ganzen  Familie,  ein  Gebieter  von  unbeschränkter  Machtvollkommenheit,
  dem  oft  eine  stattliche  Anzahl  anderer  Menschen  unterworfen
  war  und  häufig  völlig  rechtlos  gegenüberstand.

Das  ungleiche  Wachsen  der  verschiedenen,  nebeneinander  bestehenden
Familien  führte  bald  dazu,  daß  die  weniger  zahlreiche  und  daher  weniger
starke  sich  zu  ihrem  Schutze  mit  der  größeren  und  mächtigeren  verband.
  Weitere  Vereinigungen  fanden  aus  den  verschiedensten  Gründen
statt:  besiegte  Feinde  wurden  dem  alten  Verbande  eingegliedert,  gemeinsame
  Unternehmungen  führten  zu  dauerndem  Zusammenhalt  ect  .ect
kurz  und  gut,  wir  finden  bald  eine  Verschmelzung  früher  selbständiger
Familien,  die  sich  nun  gegenseitig  unterstützen  und  gewisse  Rechte  nur
noch  gemeinsam    ausüben,  übrigens  aber  unabhängig  bleiben.  Zu
dieser  gemeinsamen  Ausübung  bilden  anfangs  die  Häupter  aller
Familien,  später  wieder  nur  noch  von  einzelnen  einen  „Rath“,  der
nun  über  diese  gemeinsamen  Dinge  zu  beschließen  hat  und  dem  alle
anderen  untergeordnet  sind.  In  diesem  Rathe  gewinnt  der  Mächtigste
und  Tüchtigste  bald  einen  besonderen  Einfluß,  die  Anderen  erkennen
seine  Ueberlegenheit  und  lassen  sich  wohl  oder  übel  von  ihm  leiten,  bis
er  im  Laufe  der  Zeit  zu  solchem  Ansehen  gelangt,  daß  er  es  eigentlich
ist,  der  die  Geschäfte  der  Gesammtheit  führt,  während  die  anderen
Mitglieder  des  Rathes  von  ihm  abhängig  werden  und  ihm  schließlich
  nur  noch  berathend  zur  Seite  stehen.  So  entsteht  allmählich  das
Königthum.

Bei  dem  fortgesetzten  Inverbindungtreten  ursprünglich  selbständiger
Familien  und  dem  Zunehmen  der  gemeinsamen  Interessen  wächst  die
Bedeutung  dieses  „Rathes“;  es  wird  immer  deutlicher,  daß  wir  jetzt
nicht  mehr  allein  die  Einzelfamilien  vor  uns  haben,  sondern  daß  diese
eng  miteinander  verknüpft  sind,  daß  sie,  alle  zusammengefaßt,  eine
dauernde  Lebensgemeinschaft  bilden,  daß  über  allen  diesen  Einzelfamilien
gleichsam  eine  neue  Einrichtung  besteht,  und  diese  neue  Einrichtung,  das

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