Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

298  Großbritannien.  (April  9.—2.  Hälfte.)

Liga  daselbst  noch  nicht  unterdrückt  sei.  Die  verbotenen  Versammlungen
  sollen,  falls  deren  Abhaltung  versucht  würde,  nötigenfalls
durch  Militär  gesprengt  werden.  Die  Versammlungen  finden  indessen,
  trotz  dieses  Verbotes,  statt,  und  es  kommt  dabei  zu  blutigen
Konflikten.

In  Longhrea,  wo  tags  vorher  der  Hauptorganisator  der  geplanten
ligistischen  Kundgebung,  Stadtrat  Sweeny,  verhaftet  worden  war,  versammeln
sich  ca.  4.000  Personen  unter  Führung  William  O'Briens,  in  Ennis  ca.  3.000
unter  Führung  von  Michael  Davitt  und  John  O'Connor.  Infolge  der
Tumulte  werden  alsbald  O'Brien  und  sein  Agitationsgenosse,  John  Dillon,
Parlamentsmitglied  für  Ost-Majo,  verhaftet.

9.  April.  (Lokalverwaltungs-Bill  für  England  und

Schottland.)

Smith,  der  erste  Lord  des  Schatzes,  erklärt,  die  Regierung  beabsichtige
  in  dieser  Session  nicht,  eine  Lokalverwaltungs-  Vorlage  für  Irland
einzubringen,  da  die  Zeit  beider  Häuser  des  Parlaments  in  dieser  Session
mit  anderen  Geschäften  völlig  in  Anspruch  genommen  sei.  Die  Regierung
wäre  jedoch  nicht  abgeneigt,  Irland  ein  seinen  Bedürfnissen  angepaßtes  verbessertes
  Lokalverwaltungs-System  zu  geben,  wenn  es  klar  sei,  daß  das  irische
Volk  vorbereitet  sei,  dasselbe  im  Geiste  der  Treue  gegen  die  Krone  und  die
Verfassung  aufzunehmen  und  anzuwenden.

Auf  seiten  der  Regierungspartei  wie  bei  den  liberalen  Unionisten
zeigt  sich  großes  Entgegenkommen  für  die  Bill.  Nur  einige  untergeordnete
Punkte  werden  beanstandet.  Chamberlain  wünscht  z.  B.  die  Übertragung
  der  Kontrolle  der  Polizei  auf  die  Grafschaftsräte.  Ritchie  erklärt,
die  Regierung  sei  in  Nebenpunkten  zu  Zugeständnissen  bereit.

10.  April.  (Rede  Salisburys.)  Margquis  of  Salisbury
hält  in  Carnarvon  eine  Rede,

in  welcher  er  auf  den  großen  Verlust  der  deutschen  Nation  durch  das
Ableben  des  Kaisers  Wilhelm  hinweist  und  denselben  als  treuen  Freund  Englands
  bezeichnet.  Die  gleiche  Teilnahme  verdiene  sein  Nachfolger.  Es  sei
um  die  Erhaltung  seines  Lebens  zu  bitten,  da  es  ein  Unterpfand  für  den
Fortschritt  der  Menschheit  und  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens  sei.  In
betreff  der  inneren  Angelegenheiten  spricht  der  Premier  zunächst  den  liberalen
Unionisten,  insbesondere  für  die  von  Göschen  und  Chamberlain  geleisteten
Dienste  seinen  Dank  aus.  Zur  Lokalregierungs-Bill  bemerkt  Salisbury,  sie
sei  zweifelsohne  eine  radikale  Maßregel,  habe  daher  viele  Feinde,  die  auf
ihre  Zeit  warteten.  Über  die  Zustände  in  Irland  äußert  sich  der  Redner
optimistisch.  Der  Premier  konstatiert  einen  regelmäßigen  Eingang  der  Pachtzinse.
  und  eine  bedeutende  Abnahme,  ja  hie  und  da  ein  fast  gänzliches  Verschwinden
  des  Boykottens.  Gründlich,  meint  er  allerdings,  könnten  die  irischen
  Zustände  nur  durch  Förderung  neuer  Industriezweige  gebessert  werden.

2.  Hälfte  April.  (Päpstliche  Encyklika.)  Eine  vom
20.  April  datierte  päpstliche  Encyklika  [vgl.  St.-A.  Bd.  48]  wird
bekannt,  worin  der  Papst  sich  gegen  die  Ausschreitungen  der  irischnationalen
  Partei,  und  zwar  speziell  gegen  das  Unwesen  des  Boykottens
  und  gegen  den  Feldzugsplan  wendet.  Es  wird  betont,
daß  das  heilige  Amt  weder  die  Liga  selber  noch  ihre  politischen