Full text : Rosenheimer Anzeiger. 63. Jahrngang (63)

—  1  —

nämlich  der  deutfche  Kalfer  Konrad  MI.  1140  die  Stabt,  welche  fich
zu  feinen  Feinden  gehalten  Hatte,  belagerte,  wehrten  fich  Die  Bürger  fo
verzweifelt,  daß  er  im  Unmillen  jchwur,  wenn  er  hineinfomme,  werde  er
feinen,  der  bie  Waffen  geführt,  verfehonen.  Der  Hunger  zwang  endlic)
die  Stadt,  fich  zu  ergeben,  und  Fein  Bitten  und  Flchen  vermochte  nun  den
Kaifer  zur  Gnade  zu  bewegen.  Nur  den  Veibern,  beladen  mit  ihren  beiten
Schäßen,  wurbe  freier  Abzug  bewilligt.  Aber  als  fich  bald  das  Thor
hffnet,  wa8  zeigt  fich  den  morbluftigen  Kriegern  ded  Kaijer8?  Cine  Iange
Reihe  der  Weiber,  die,  mit  Aurüdlaffung  ihrer  Tiebiten  Habe,  ihre
Männer,  Väter  und  Söhne  als  ihre  beiten  Schäße  auf  dem  Nüden
trugen.  DObgleid)  mancher  auß  des  Kaijers  Gefolge  Diefe  Lilt  nicht
gelten  laffen  wollte,  fo  erflärte  Diefer  Doch,  fein  Faijerlihes  Wort
müfje  gehalten  werben.  Die  Weiber  hatten  den  Männern  da3
Leben  gerettet,  und  der  Kaifer  belohnte  dieje  ihre  Treue  dadurd,  daf
er  ihnen  auch  alle  ihre  Befibthümer  Liep.

Von  der  Treue  der  Schwaben  gegen  den  Yandesherm  wird  folgende
Sefchichte  erzählt.  ALS  Graf  Eberhard  von  Würtemberg  in
feinem  Alter  in  Wildbad  fich  erholen  und  die  vielen  Wunden,  Die
er  in  ben  Schlachten  für  fein  Land  empfangen,  heilen  wollte,  wurde
er  plößlich  von  feindlichen  Nittern  Dort  eingejchloffen  und  wäre  ohne
Amwelfel  von  ihnen  gefangen  worden,  hätte  ihn  nicht  ein  treuer  Unter:
than  gerettet.  Gin  Hirt  war  e8;  biejer  eilte  athemlo8.  herbei,  Dem
Grafen  die  Botfchaft  von  den  heranziehenden  Feinden  zu  bringen.
Aber  damit  begnügte  fich  der  Mann  nicht;  er  zeigte  dem  alten  Herrn
zugleich  einen  verborgenen  Pfad  zur  Klucht,  und  al8  Diefer  nicht  rajch
genug  den  Berg  Hinaufiteigen  Fonnte,  nahm  ihn  der  Fräftige  Schwabe
auf  jeinen  Rüden,  trug  ihn  bergan  und  ruhte  nicht,  Bi8  er  ihn  Hinter
fichere  Mauern  gebracht  hatte,

Awei  Drittheile  der  Bewohner  Würtembergd  befennen  fich  mit  der
Königlichen  Samilie  zur  enangelifchen  Religion.

‚  30.  Der  hohe  Staufen.

In  der  Mitte  des  jhmwähilchen  Tanbes,  fast  gleich  weit  vom  Rhein,
som  Lech  und  dem  Bodenjee  entfernt,  erhebt  fi  Der  hohe  Staufen,
ein  fegelfürmiger  Berg,  auf  deifen  Gipfel  einft  da8  Stammhaus  der
Ihwäbtihen  Herzoge  und  Kaifer  geitanden  hat.  Weithin  ift  des
Derges  Haupt  fihtbar,  und  du  magst  fommen,  von  welcher  Nichtung
dur  willft,  jo  zeigt  fich  Dir  fein.  fahlee  Scheitel.  Er  Keherriht
eben  jo  die  Gegend  und  bie  niederen  Berge,  wie  bie  mächtige
Regentenfamilie,  bie  einft  hier  Kaufete,  die  niedern  Gefhledter
und  die  Landjhaft  umher  Keherrfcht  hat.  Der  baumloje  Gipfel  des
Berges  gewährt  eine  herrliche  Ausfiht  Gegen  Süden  überficht  man
die  Ihwäbifche  Alp  mit  ihren’  begrünten  Höhen  ober  zadigen  Felfen;
hinter  ihr  ragen  in  weiter  bläuficher  Gerne,  wie  Wolfen  am  Horizont,
bie  Schneegebirge  Tyrols  und  ber  Same  erusı.  Gegen
Wehen  erblistt  man  bie  fchönen  Gegenben,  die  der  Nedar  vurchfteömt: