Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

Die  Geseerreichisch-Augerische  Mesarchie.  (Aug.  2  30.)  223

welche  als  örarialisches  Cigenthum,  betrachtet  wurden,  vom  Kaiser  den  Grenzern
  für  ihre  treuen  Diensie  zum  Gescheul  gemacht,  jedoch  mit  der  Widmun,
daß  aus  dem  Verkaufe  der  Waldungen  ein  Fonds  gebildet  werde  für  Schulzwecke

  und  zum  Ban  einer  Grenzbahn.  Hinsichtlich  dieser  Grenzbahn  wurden
seit  etwa  zwei  Jahren  langwierige  Verhandlungen  zwischen  dem  Comman-=direnden
  in  Agram,  F.-Z.-M.  v.  Mollinary,  und  der  ungarischen  Regierung
geführt.  Die  im  Interesse  der  Grenze  gelegene  Linie  wäre  die  von  Semlin
nach  Eissek  und  Karlstadt  führende  gewesen.  Mit  dieser  Linie  konnte  aber
Mollinary  in  Budapest  nicht  durchdringen.  Für  das  spezifische  aese=Ungarns
  war  es  vortheilhafter,  daß  sich  die  Grengbahn  an  die  Alfölderbahn
anschließe  und  nach  Bosnien  führe,  wodurch  der  ungarische  Export  nach  der
Türkei  im  kürzesten  Weg  einen  ungeheuren  Umschwung  nehmen  würde,  wovon
aber  freilich  die  Grenze  keinen  Nutzen  hätte.  Nun  ginge  die  Sache  noch  an,
wenn  die  Ungarn  diese  Linie  mit  ihrem  Geld  ausbauen  würden,  aber  das
Geld  für  diesen  Bau  nehmen  die  Ungarn  aus  dem  oben  erwähnten  Grenzfonds.

—  August.  In  den  slavischen  Theilen  der  Monarchie  werden
  den  turkophilen  Volksversammlungen  ebenso  zahlreiche  rufsophile
entgegengesetzt.  Die  Agitation  für  und  gegen  Rußland  scheint  indeß
nachgerade  doch  ihren  Höhepunkt  erreicht  zu  haben.

8.  August.  (Oesterreich:  Galizien.)  Eröffnung  des  Landtags.
  Es  wird  sofort  der  Antrag  auf  eine  (antirussische)  Adresse  an
den  Kaiser  gestellt  und  für  dieselbe  die  Dringlichkeit  beschlossen.

Der  Landtag,  dessen  Physiognomie  während  der  drei  früheren  Legislaturperioden
  stets  unverändert  blieb,  hat  diesmal  in  Folge  der  lehten  Neuwahlen
  eine  wesentlich  verschiedene  Zusammensehung  aufzuweisen.  Zunächst
erhielt  die  Klasse  der  Großgrundbesitzer,  welche  früher  bloß  durch  44  Abgeordnete
  vertreten  war,  eine  derartige  Verstärkung  aus  den  Wahlkreifen  der
Landgemeinden,  daß  sie  jetzt  ungefähr  über  80  Mandate  verfügt  und  somit  die
größere  Hälfte  sämmtlicher  Landtagsmitgliehrr  bildet.  Auch  die  gotennnte

„Mameluken-Partei“  hat  durch  die  Wahl  einer  ziemlich  großen  Anzahl  politischer
  Beamter  und  der  hein  nahestehender  Persänlicheeen  einen  nicht
zu  unterschätzenden  Zuwachs  erhalten.  Andererseits  ist  die  Partei  der  ruthenischen

  und  bäuerlichen  Deputirten,  welche  noch  in  der  vorjährigen  Session
anf  der  linken  Seite  des  Hauses  mehr  als  40  Site  einnahm,  zu  einem  fast
unansehnlichen  Häuflein  zusammengeschrumpft,  so  daß  dasselbe  seiner  numerischen
  Schwäche  wegen  geschäftsordnungsmäßig  nicht  einmal  selbständige  Anträge
  und  Interpellationen  einzubringen  im  Stande  sein  wird.

9.  August.  Zusammenkunft  des  Kaisers  mit  dem  deutschen
Kaiser  in  Ischl.  Dieselbe  zeichnet  sich,  wie  das  offizielle  Telegramm
sich  ausdrückt,  durch  die  größte  Herzlichkeit  und  den  Charakter  des
aufrichtigsten  Einvernehmens  aus.  «

18.  August.  (Ungarn:  Croatien.)  Der  Commandirende  in
Croatien,  F.-Z.-M.  Mollinary,  erhält  vom  Kaiser  statt  seiner  Entlassung
  nur  einen  zweimonatlichen  Urlaub.  Inzwischen  soll  versucht
werden,  den  Grenzbahnstreit  zwischen  Ungarn  und  Croatien  zu  begleichen.
  Mollinary  beharrt  indeß  auf  seiner  Entlassung.

30.  August.  (Oesterreich.)  Der  vom  verstorbenen  Cardinal-