Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 20.—21.) 143
Nein!); ich kann sie mir persönlich nicht zurechnen. (Rufe: Doch!) Das,
was ich mit andern zusammen, mit dem alten Kaiser, mit der Armee und
mit der deutschen nationalen Gesinnung zusammen erkämpft habe, das wird
schließlich in mir, weil ich länger lebe als die meisten meiner Mitarbeiter,
anerkannt und geehrt, und ich streiche es, aber in Bescheidenheit, ein und
lege es zu den Akten meiner früher ausgeschiedenen Mitarbeiter. Ich habe
schon vor 10 Jahren, als ich 70 Jahre alt wurde und mein fünfzigjähriges
Dienstjubiläum feierte, Ehrungen erfahren von hoher Stelle und von meinen
Mitbürgern in Berlin, für die ich nicht im ganzen Umfange das Gefühl
des rechtmäßigen Beittes hatte, aber das alles ist ja weit überholt, nach-
dem ich aus dem Dienst ausgeschieden bin. Nachdem ich der für die meisten
unserer Landsleute nicht grade gewinnenden Eigenschaft eines preußischen
Ministers entkleidet bin (Heiterleit), da habe ich, möchte ich sagen, noch
mehr Glück in der Popularität gehabt. Wenn ein noch regierender Minister
wirklich erheblich populär wird, so ist es ja immer sehr zweifelhaft, ob er es
nicht auf Kosten seiner amtlichen Pflichten wird. Ich glaube, ich kann mich
von diesem Verdacht freisprechen. Ich habe, solange ich im Dienste war,
immers den Ernst eines Wachthundes an der Kette gehabt und habe gebissen,
was ich beißen mußte. (Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Nun, wo ich
mich frei bewege, kann ich mich nach meinem rein menschlichen Gefühlen und
Empfindungen aussprechen und brauche nicht alles zu billigen, nicht einmal,
was ich früher vertreten habe. Denn so ganz frei in seinen Bewegungen
ist auch ein sogenannter allmächtiger Minister niemals. Es sind die ver-
schiedenartigsten Einflüsse, ganz abgesehen von den Kollegen, die einen be-
rechtigten Einfluß haben, aber es sind auch andere, beiderlei Geschlechts
(Heiterkeit), die ihm sonst die freie Bewegung hindern. So gestehe ich
offen, ich habe keine Verpflichtung, mich zu jeder Handlung zu bekennen,
die ich vor 20 Jahren und länger als Minister geleistet habe. Ich habe
damals immer zwischen verschiedenen Uebeln, die ich wählen mußte, das
kleinere gewählt und das Ideale habe ich nie verfolgen können; ich fürchte,
ich wäre auf staatsanwaltliche Abwege geraten (Heiterkeit).
20. Mai. Der Reichstag genehmigt den Gesetzentwurf
über die Bestrafung der Sklavenräuber und des Sklavenhandels.
20./21. Mai. (Preuß. Abgeordnetenhaus.) Währungs-
debatte (vgl. S. 32, 44, 141).
Abg. Arendt (frk.) beantragt dasselbe wie Graf Mirbach im Herren-
hause (S. 141). Rintelen (3.) beantragt, die Worte: „mit dem Endziel
eines internationalen Bimetallismus“ zu streichen. Abg. Arendt: Ohne
das Endziel des internationalen Bimetallismus sei die Ausführung seines
Antrages gar nicht denkbar. Die Streichung dieses Passus scheine ihm
eines der bekannten heimlichen Mittel der Goldwährungspartei zu sein, die
zu ohnmächtig geworden sei, um offen zu kämpfen. Eine bloße Hebung
des Silberpreises könne nichts nützen, er verlange die Festlegung des Silber-
preises, um den beständigen Schwankungen ein Ende zu machen, denen der
internationale Verkehr nach den Ländern mit Silberwährung unterworfen
sei. Doppelwährung und Antrag Kanitz seien die einzigen Maßregeln zur
Rettung der Landwirtschaft. Abg. v. Eynern (nl.): Die Freigebung der
Silberprägung würde unser Geldsystem unheilbar verwirren. Abg. v. Zedt-
litz (frk) ist für eine allgemeine internationale münzpolitische Einigung und
erwartet von der Hebung des Silberpreises eine allgemeine Preissteigerung.
Am folgenden Tage erklärt Finanzminister Dr. Miquel, der Standpunkt
der Regierung sei durch den Reichskanzler mehrfach dargelegt. Es sei