108 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 16.)
der hochverdiente Staatsminister v. Budde, sie nicht mehr begründen kann
ein schweres Schicksal hat das anders beschieden. Mir, seinem Amtsnachfolger,
scheint es nur im Interesse des Staates zu liegen, wenn ich heute
die Erklärung abgebe, daß ich bemüht sein werde, in den Bahnen zu wandeln,
die er beschritten hat. Meine Herren, es wird meine einzige und
größte Aufgabe sein, die preußische Eisenbahnverwaltung auf der Höhe ihrer
Aufgaben zu erhalten. Die wirtschaftlichen Ansprüche, der ständig wachsende
Betrieb, die unbedingte Berücksichtigung der Interessen der Betriebssicherheit,
die Sorge für das riesige Personal stellen gewaltige Anforderungen,
die sich in den Zahlen ausdrücken, welche die heutige Vorlage
erbringt. Aber die Entwickelung der preußischen Bahnen gibt die volle
Gewähr, daß diese umfassenden Mittel nur im allgemeinen Verkehrsinteresse
verwendet werden, und sie bietet ferner die Gewähr, daß alle diese Aufwendungen
wandelndes Kapital der Eisenbahnverwaltung darstellen. Ich
stehe noch unter dem vollen Eindrucke der fast zehnjährigen Tätigkeit im
Westen der Monarchie und bin vollständig davon durchdrungen, daß die
riesenhaften berechtigten Ansprüche, die der Verkehr an die Verwaltung
stellt, Uur dann voll zu erfüllen sind, wenn wir dauernd die Anforderungen
der Verwaltung sorgfältig erwägen. Ich bin in der glücklichen Lage, auch
auf einem anderen Gebiete meinem hochverehrten Amtsvorgänger durchaus
folgen zu können. Er hat seine Interessen in der ihm eigenen tatkräftigen
Art mit vollem Erfolge der praktischen Sozialpolitik und der Wohlfahrtspflege
zugewendet. Sie können versichert sein, daß ich ihm auf diesen
Bahnen folgen werde, daß ich bemüht sein werde, die Wohlfahrt der Beamten
und Arbeiter zu fördern, für die Verbesserung der Lebenshaltung
und der Wohnungsverhältnisse zu sorgen. (Bravol) Sie haben oft meinem
Vorgänger zugestimmt, wenn er die großen Gesichtspunkte entwickelte, nach
denen er gearbeitet hat. Ich hoffe, daß das hohe Haus auch mir seine
wertvolle Unterstützung nicht versagen wird, wenn ich in seinen Bahnen
weiter wirtschafte. Ebenso hoffe ich, daß der Herr Finanzminister mit mir
Hand in Hand gehen wird.
15. Mai. (Württemberg.) Die Verfassungskommission der
Ersten Kammer erstattet ihren Bericht.
Der Bericht stellt bis auf einige Punkte die Regierungsvorlage
wieder her. Bei der Zusammensetzung der Ersten Kammer will die Kommission
das bisherige Recht der Krone, neun erbliche Mitglieder zu ernennen,
beibehalten, ebenso die Bestimmung, daß die erblichen Mitglieder
einen Wohnsitz in Württemberg nicht zu haben brauchen. Der Ritterschaft
sind statt acht Mitglieder nur sechs zugestanden, ebenso dem Regierungsentwurf
entsprechend statt drei Vertreter des Handels und der Industrie,
drei der Landwirtschaft und zwei des Handwerks nur zwei Vertreter des
Handels- und Gewerbestandes und zwei der Landwirtschaft, welche auf
Vorschlag der gesetzlich organisierten Berufskörperschaften vom König ernannt
werden sollen. Die Vertretung der Kirchen soll übereinstimmend
mit den Beschlüssen der Abgeordnetenkammer bestehen aus dem Präsidenten
des evangelischen Konsistoriums und der evangelischen Landessynode, sowie
zwei Generalsuperintendenten und einem Vertreter des bischöflichen Ordinariates
und einem katholischen Dekan. Die Landesuniversität Tübingen
und die technische Hochschule in Stuttgart sollen je einen Vertreter erhalten.
So würde die Erste Kammer statt der vorgeschlagenen 53 nur 47 Mitglieder
zählen. Bei der Zusammensetzung der Zweiten Kammer befürwortet
die Kommission die sogenannte kleine Kammer und streicht die
17 Ersatzabgeordneten, so daß dieselbe aus 75 Abgeordneten bestände. Für