Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Deutsches  Reich.  (Oktober  14.—20.)  915

ungeheure  Erbitterung  auch  gegen  den  Reichstag,  der  sich  das  Treiben  der
Regierung  gefallen  läßt.  Ich  weiß  ja,  daß  der  Reichstag  zur  Abwehr  entschlossen
  ist;  erfolgt  sie  aber  nicht  gründlich,  dann  müssen  wir  der  Regierung
erklären,  daß  wir  nichts  mehr  mit  ihr  zu  tun  haben  und  ihr  die  Kredite
verweigern.  (Vereinzeltes  Bravol)  Die  Regierung  muß  klipp  und  klar  erklären,
  daß  sie  unsere  Friedens-  und  Verfassungsforderungen  annimmt,
sonst  müssen  wir  endgültig  mit  ihr  brechen:  der  Parteitag  muß  aller  Welt
sagen:  wir  haben  seit  dem  4.  August  unermüdlich  daran  gearbeitet,  den
Frieden  so  rasch  wie  möglich  herbeizuführen,  und  jetzt  ist  die  Frucht  reif.
Den  unerbittlichen  Kampf  für  den  Frieden  zu  proklamieren,  ist  die  Aufgabe
  dieses  Parteitags,  nur  dadurch  wird  er  vor  der  Partei  und  der
Menschheit  bestehen.  (Lebh.  teilweiser  Beifall.)

Hierauf  tritt  der  Parteitag  in  die  Diskussion  ein.  Mit  zur  Beratung
steht  u.  a.  folgender  Antrag  Hoch  u.  Gen.:  „Die  wichtigste  Aufgabe  der  Soz.
ist  es,  mit  allen  Kräften  dafür  einzutreten,  daß  endlich  der  Krieg  beendet
wird  durch  den  Frieden,  der  das  einzige  Mittel  dazu  ist,  nämlich  durch
den  Frieden  ohne  politische,  wirtschaftliche  und  finanzielle  Vergewaltigung
irgend  eines  Volkes,  ohne  Annexionen  und  Kriegsentschädigungen  und  auf
der  Grundlage  der  Selbstbestimmung  der  Völker.  Zu  dem  Frieden  können
wir  erst  dann  gelangen,  wenn  in  allen  Ländern  das  arbeitende  Volk  den.
Widerstand  der  großkapitalistischen  und  militaristischen  Kreise  überwunden
hat,  die  nicht  auf  Eroberungen  verzichten,  sondern  den  Krieg  weiter  und
weiter  verlängern  wollen  in  der  Hoffnung,  daß  sich  ihnen  doch  eine  günstige
Gelegenheit  zu  Eroberungen  bieten  werde.  So  ist  mit  dem  Kampf  für  den
Frieden  unlösbar  verbunden  der  Kampf  gegen  die  politische  Bevormundung
des  Volkes  im  eigenen  Lande,  der  Kampf  um  das  allgemeine,  gleiche  und
geheime  Wahlrecht  für  alle  Wahlen,  um  den  entscheidenden  Einfluß  des
Volkes  auf  die  Regierungen,  um  die  Beseitigung  aller  volksfeindlichen  Beschränkungen.
  In  diesem  Kampfe  hat  die  Soz.  die  Führung  zu  übernehmen
im  Sinne  der  Grundsätze  unseres  Parteiprogramms  und  der  Beschlüsse
unserer  Parteitage  und  internationaler  Kongresse,  die  die  Eroberung  der
politischen  Macht  durch  Ueberwindung  unserer  Gegner  fordern  und  eine
Politik  des  Entgegenkommens  an  Eroberungspläne  und  scharfmacherische
Bestrebungen  ablehnen.  Daher  hat  die  Sozialdemokratie  auch  die  Regierungen
zu  bekämpfen,  die  offen  oder  hinterhältig  die  Bestrebungen  gegen  den  von
uns  geforderten  Frieden  fördern.  Unsere  Reichstagsfraktion  kann  der
jetzigen  Reichsleitung  keine  Kriegsforderung  bewilligen  und  ebensowenig
einer  anderen  Reichsleitung,  die  sich  nicht  ausdrücklich  und  unzweideutig
im  allgemeinen  und  in  den  wichtigeren  Einzelfragen  zu  unseren  Friedensforderungen
  und  den  notwendigen  Verfassungsänderungen  bekennt  oder
deren  Handlungen  ihren  Zusicherungen  widersprechen.“

Löbe-Breslau  begründet  folgenden  Antrag:  „Der  Parteitag  erklärt:
Mehr  als  drei  Jahre  währt  der  unheilvolle  Weltkrieg  und  noch  immer
sind  die  herrschenden  Mächte  außerstande,  den  Ausweg  zur  Erzielung  des
Friedens  zu  finden.  Die  soz.  Partei  Deutschlands  hat  sich  in  Uebereinstimmung
  mit  ihren  Grundsätzen  zur  Pflicht  der  Verteidigung  ihres  Landes
bekannt.  Das  war  eine  harte  Notwendigkeit,  um  eine  Niederlage  Deutschlands
  und  eine  dauernde  wirtschaftliche  Verelendung  unseres  Volkes  und
im  besonderen  der  deutschen  Arbeiterschaft  fernzuhalten.  Der  Parteitag
billigt  daher  die  von  der  Reichstagsfraktion  während  der  Kriegszeit  vertretene
  Politik.  Er  verpflichtet  die  Fraktion  wie  bisher,  so  auch  fernerhin
ihre  Stellungnahme  zu  der  Bewilligung  von  Krediten  davon  abhängig  zu
machen,  ob  sie  im  Fnteresse  der  Landesverteidigung  geboten  sind.  Der
Parteitag  bekräftigt  von  neuem  die  Ueberzeugung,  daß  ein  Friede  zu  er-58