Am 8. März 1888 starb Kaiser Wilhelm I. Deutschlands Heldenzeit
neigte sich ihrem Ende entgegen. Wie ein Märchentraum längst ent-
schwundener Herrlichkeit und Machtfülle mutet es uns Erben des un-
glückseligsten aller Kriege an, daß es damals wie ein heiliges Rauschen
durch die ganze Welt gegangen ist, als der deutsche Kaiser, der Schöpfer
des Reiches, die müden Augen schloß. Die unheilbare Erkrankung
seines Thronerben verstärkte noch überall den feierlichen Eindruck
seines Hinscheidens. Das politische Leben Europas stand für eine Zeitlang
still.
Die Erledigung aller schwebenden Fragen wurde aufgeschoben,
bis die erwartete Katastrophe des zweiten deutschen Kaisers gleichfalls
eingetreten sein würdet). Selbst die am 27. März erfolgte Verabschiedung
des Generals Boulanger mit allen ihren Folgeerscheinungen und die Über-
nahme des französischen Kriegsministeriums durch Freycinet, der damit
seinem Ziele, Frankreich durch Hebung seiner Wehrmacht für Rußland
bündnisfähig zu machen, einen großen Schritt näher kam, wurde wenig
beachtet. An den Balkan dachte vorläufig niemand: Deutschland und
Frankreich beanspruchten das europäische Interesse ausschließlich.
Je ernster die Krankheit Kaiser Friedrichs III. sich erwies, um so
mehr legte sich die russische Presse in ihrer Haltung gegenüber Deutsch-
land anscheinend auf Weisung von oben eine sonst nicht übliche Zurück-
haltung auf. Alles stellte sich bereits auf die Beobachtung des kommenden
Kaisers ein, während zugleich die Absicht des russischen Finanzministers,
einen neuen Handelsvertrag mit Deutschland zu schließen, unter Hinweis
auf seine für Rußland ungünstigen Wirkungen lebhaft bekämpft wurde.
Zugleich gefiel man sich in Rußland darin, dem Verhalten Boulangers
Beifall zu zollen und dem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß er
in dem neuen, am 3. April gebildeten, Kabinett Floquet keinen Platz hatte
finden können. Die russische Regierung teilte anscheinend diesen Stand-
punkt nicht; vom Zaren selbst wurde berichtet, daß er dem General
Boulanger wenig günstig gesonnen sei. Aber der belgische Geschäfts-
träger Eggermont?) in Petersburg berichtet doch am 6. April 1888°),
daß der größere Teil des russischen Publikums in seiner politischen Un-
kenntnis allzu gelehrig dem ‚„Boulangismus‘“ der Presse zustimme. „Es
gibt übrigens in Rußland‘‘, meint er, ‚eine reichlich große Gruppe von
Leuten, Parteigängern eines europäischen Zusammenstoßes, die davon
träumen, daß Frankreich den Funken in das Pulverfaß schleudern würde.
Eben dies Ergebnis erhoffen sie von der Anwendung des vom General
ı) Wien, 4. Mai 1888, Bd. V, S. 221ff.
2) Im Band V habe ich auf Grund der Unterschrift des Petersburger Geschäfts-
trägers der Annahme Ausdruck verliehen, daß er Eygermont heißen müsse. Die
Kriegserinnerungen des Generalobersten Frhr. v. Hausen „Erinnerungen an den
Marnefeldzug 1914‘ (Verlag K. F. Köhler, Leipzig) berichten indes von einem bel-
gischen Diplomaten Eggermont. Dieser ist wahrscheinlich mit dem im „Annuaire
diplomatique et consulaire‘‘, Brüssel 1914, genannten Legationsrat Eggermont —
Band V, S. 4, Zeile 5 von unten steht fälschlicherweise Eygermont — identisch.
») Bd. V, S. 218 ff.
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