Volltext : Königlich Württembergisches Staats- und Regierungs-Blatt vom Jahr 1810. (5)

1289

wie  er  im  Volle  ertönt:  ein  gewöhnlicher  volksgesung,
an  dem  sieb  der  gemeine  mann  ergötzet  Herder
Stimme  d.  Völler,  Eingang.  —  Vollshausen,  in.  Haufen
aus  gemeinem  Volke  gebildet.  —  Vollsheer,  n.  Heer
das  aus  der  Gesamtheit  einer  Bevölkerung  gebildet  ist.
—  Volköheerschaft,  s.  dentscher  Ausdruck  für  Demokratie.
—  Vollsleaft,  1.  Kraft  eines  gefamten  Volles:  fröhlich
grunende  volkskraft  Freytag  Bild.  I,  29.  —  Volks-Irieg,
  m.  Krieg  eines  gefamten  Volkes:  war  Scharnhorst
von  der  idce  cines  volkskrieges  gegen  Napoleon  erfoullt.
Häusser  d.  Gesch.  3,  157.  —  Vollslehrer,  m.  Lehrer
der  breiten  Schichten  einer  Bevölkerung;  im  engern
Sinne  Lehrer  einer  Volksschule.  —  Vollslied,  n.  Lied
aus  den  unteren  Schichten  einer  Bevölkerung  entstanden,
in  ihnen  gesungen;  zuerst  bei  Herder  Stimme  der
Völker.  —  Vollsmann,  m.  beim  Volle  beliebter  und
einslußreicher  Mann.  —  volksmäßig,  dem  Volle  gemäß:
war  zur  volksmüszig  politischen  feier  einer  bochzeit.
gereizt  worden  Keller  Werke  8,  185.—  Volksmärchen,  u.
Märchen  aus  dem  Volke.  —  Volksutasse,  -menge,  1.
Masse,  Menge  von  Volk,  Leuten;  auch  im  Plur.:  grosze
volksmassen  (volksmengen)  drangen  herzu.  —  Vollsreduce,
  m.  Redner  aus  dem  Volle  oder  für  die  große
Menge  des  Volls.  —  Vollsschrist,  k.  Schrist  zur  Belehrung
  und  Unterhaltung  des  gewöhnlichen  Volks  bestimmt.
  —  Volksschule,  k.  Schule  für  die  Kinder  der  Gefamtbevölkerung
  gemeinsam.  —  Volksstimme,  f.  Stimme
einer  Gesamtbevölkerung  beim  Sprechen  oder  Singen:
so  war  von  jeber  die  deutsche  harfe  dumpf,  und  die
volksstimme  niedrig  und  wenig  lebendig  Herder  Vorrede
  zum  2.  Teile  der  Volkslieder;  sprichwörtlich:  volkesstimme,
  gottesstimme  Simrock  599.  —  Vollsversammlung,
  k.  Versammlung  an  der  jeder  im  Volke  teilnehmen
kann.  —  Volksvertreter,  m.  Vertreter  des  Volks  in  einer
gesetzgebenden  Versammlung.  —  Volkswirtschaft,  l.  deutscher
  Ausdruck  für  Nationalökonomie.  —  Volkszählung,  s.
amtliche  Zählung  der  Bevölkerung  eines  Staats.
Mölkerschaft,  k.  Gesamtvolk  aus  einzelnen  Völkern,
Stämmen  zusammengesetzt:  diese  beiden  feur'gen  völkerschalten
  (Engländer  und  Schotten)  Schiller  M.  Stuart
1,  7;  auch  von  lleinerer  Gesamtheit  von  Bewohnern:
in  schnitt  und  fürbe  der  kleider  eine  munnichfaltigkeit,
.  die  der  ganzen  kleinen  völkerschaft  ein  sonderhuree
anschen  gab  Gocthe  Wanderj.  2,  1.  —  Volkstum,  n.
Eigentümlichkeit  eines  Volkes,  Natio  nalität;  gebildet  und
verteidigt  von  Jahn,  deutsehes  volkstum  (Lübeck  1810).
—  volkstümlich,  von  demselben  ebenda  zuerst  gebraucht.
Voll,  gänzlich  mit  Inhalt  versehen,  gesüllt;  gemeingermanisches
  Wort,  goth.  fulle,  altnord.  fullr,  altengl.
altsächs.  full,  ahd.  kol,  mhd.  vol;  entstanden  aus  Stamm
tu  na-,  wie  das  urverwandte  lat.  plenns.  litt.  pilnas,
altslav.  plänb  voll  zeigt,  und  eigentlich  Passivpartizip
zu  einer  Wurzel  ful-,  urverwandt  pol,  pel,  die  auch  in
griech.  pimplemi,  lat.  ·  plẽre  in  complére,  implére  füllen
zu  Tage  tritt.  In  Wurzelgemeinschaft  mit  voll  steht
vie!  (s.  d.),  Bewirkungswort  ist  tullen  If.  d.).  Die
Steigerungsgrade  jetzt  ohne,  srüher  auch  mit  Umlaut:
noch  wird  das  meer  nicht  völler  Pred.  Sal.  1,  7;  der
wirt  ist  völler  dann  die  gäst  Garg.  185;  dein  sundenmasz
  noch  vüller  hünfen  Simpl.  1,  196.  llber  die
Nebenform  voller  vgl.  unten  1.  Bed.  1)  als  attributives
Adicctiv,  völlig  angefüllt,  von  Gefäßen:  folle
eheheha  (plencs  pathera“)  Murbacher  Hymnen  7,6;
V.olles  gefisz,  glas,  einem  cinen  vollen  beeber  bringen;
bildlich:  sie  hat  den  vollen  kelch  der  freuden  ausgekrunken
  Schiller  M.  Stuart  2,  7;  in  besonderem  Sinne
ein  voller  mensch,  trunken,  vgl.  unter  2;  wio  mun
voller  weis  so  leichtfertig  den  hals  ubfellt  Garg.  75;
von  schwellenden  Körperteilen:  ein  volles  gesicht;  voller
arn,  busen,  mund,  volle  waden  (Hölty  5);  stin  rundes
volles  kinn  Gellert  Sylria  6;  die  wangen  voll  und
kraltig  Hauff  7,  195;  In  Bezug  auf  Essen  und  Trinken

Volkshaufen  —  voll

1290

voller  mund,  volle  backen;  übertragen:  mit  vollem
munde  ruhmen  P  GGerhardt  300,  70;  mit  vollen  baekcn
ausposaunen;  volle  hünde,  gefüllt  mit  Gut:  diesmal
kam  er  mit  vollon  hünden  Treitschke  5,  282;  mit
vollen  hbünden  spenden,  ausstreuen:  —  eine  ganze  Ausdehnung
  erreicht  habend,  vollständig:  volle  zahl,  volles
masz,  die  volle  summe  wird  gezahlt;  der  volle  mond;
in  Zeitrechnungen:  drei  volle  monde  Schiller  Ränb.
4.5;  ein  volles  jahr  lang  Treitschke  5,  189;  —
vollkommen,  in  nichts  mangelhaft:  ein  voller  mensch
vuns  sinne  hbät  Rv.  Zweter  164,  1;  =  gänzlich,  in
nichts  zurückbleibend:  volle  tugend  (einem  verleihen)
Iwein  2428;  mit  voller  hingebung  Ranke  Werle  1,  325;
einen  vollen  .  eindruck  199;  volle  tuchtigkeit,  in
voller  thätigkeit,  in  vollem  laufe;  bin  ich  in  vollem
lichte?  weisz  ieh  alles?  Müllner  Schuld  3,2;  in
voller  krast;  in  vollen  zugen  trinken  (Schiller
M.  Stuart  3,1),  mit  veller  drust,  stimme,  keble  sprechen,
singen  u.  s.  w.;  mannigsach  auch  in  ctechnischer  Spr.:
volle  mast  in  der  Landwirtschaft;  voller  bogen  in  der
Baukunst,  der  einen  Halbkreis  bildet,  volle  mauer,  ohne

ffnungen;  im  Forstwesen  volle  örter,  Schläge,  wo
noch  keine  Bäume  gejällt  sind;  bei  Gärtnern  volle  dlumen,
  gefüllte;  die  vollste  rose  prangt  niebt  prüchliger
am  stocke  Wieland  Urteil  d.  Paris  161;  u.  a.;  —
substantivisch,  mhd.  2e  vollem  vollständig;  haben  sie
dus  land  verlaszen,  die  schiffart  zu  follen  an  die  hand
genummen  und  in  kurzer  zeit  das  künigreich  Portugal
zu  follem  erreicht  Wickram  Nachb.  39d;  in  neuerer
Spr.  im  vollen  leben,  aus  dem  vollen  wirtschaften,
schöpfen  (Treitschke  5,  237);  musz  es  aus  dem  vollen
gebn  Geibel  3,  81;  1866  kam  ja  der  krieg  im  vollen
zum  ausbruch  Bismarck  Red.  16,  153;  den  beller
lernt  ich  sparen,  wo  du  sorglos  ins  volle  griflst  Heyse
10,  128.  2)  voll  prädicativ,  in  mancherlei  Weise:  ein
gelusz  ist  voll,  gefüllt;  mit  näzerer  Bestimmung  balbvoll,
  dreiviertels,  ganz  voll,  voll  bis  an  den  rond,  gestopft,
  gestrichen  (Schiller  Fiesko  3,  7)  voll  u.  a.;
der  saal  war  ganz  voll,  gefüllt  mit  Menschen,  auch  es
war  sehr  voll  im  saale;  einem  ist  das  herz  voll,  von
Gesühlen;  mein  busen  wsr  so  voll  und  bang,  von
hundert  welten  trüchtig  Goethe  Kenner  u.  Enthusiast;
ihm  ist  der  kepf  voll,  beschwert  mit  Gedanken,  Plänen;
ein  masz,  eine  zahl,  summe  ist  voll;  wenn  jre  zal  vol
würde  Röm.  11,  12;  wenn  eure  rechnung  voll  Goethe
Faust  114;  in  besonderem  Sinne,  voll  sein,  werden,
satt,  auch  berauscht:  daz  wir  alle  werden  vol  Steinmar
  1,  2;  wann  man  voll  ist  Garg.  39;  einen  krug
voll  haben;  auch  er  hat  die  summe  voll,  es  fehlt  nichts
mehr  dran;  er  habe  seine  jabre  voll  Schiller  Tell
2,  2;  einen  bogen  voll  schreiben;  manchb  ries  papier
wird  voll  geschrieben  Gellert  Fab.  1,  18;  einem  den
buckel  voll  hauen;  nie  waren  .  80  vielc  schnupf.
tueher  voll  geweint  worden  Wieland  Abd.  3,  3;  den
magen,  sich  voll  fressen;  sich  redlich  voll  und  doll
saufen  Garg.  3  (vgl.  auch  unter  saufen):  den  mund
voll  nebmen,  von  Speise  und  Trank,  bildlich  auch  von
hochtönenden  Worten  (vgl.  unter  mund);  wie  ich  die
backen  jetzt  voll  nehmen  will!  Schiller  Kab.  5,  6;
die  hände  voll  thun  (Luther  6,  550),  verhüllend  für
besudeln;  unsinnlich:  einen  für  voll.  nicht  für,  voll
anschen,  mit  ganzer  Krast  oder  Fähigkcit  ausgerüstet;
dasz  ich  euch  immer  für  voll  genommen  habe  CFMeyer
Pesc.  110;  in  gekürzter  Fügung:  die  uhr  schlägt  voll.
die  volle  Stunde;  —  voll  mit  näherer  Bestimmug,
durch  Genitiv:  fol  bistn  gotes  ensti  (gracic  pfenau)
Otfrid  1,  5,  18;  da  stund  ein  gelesse  vol  essiges  Joh.
19,  20;  sie  sind  vol  süszes  weins  Ap.  Gesch.  2,  13;
die  menschen  sind  der  blindtheit  voll  Alberus  Esep
8,  115;  noch  in  neuerer  gewählter  Spr.:  des  groszen
pinnes  voll  Schiller  5,  112;  voll  des  besten  eisers
Häusser  d.  Gesch.  3,  105;  voll  staunender  bewundevoll