264 I. 14. Die Sozialdemokralie bis 1878.
dann den „Genossen“ vorspiegeln konnte: der deutsche Reichstag habe kein Herz für
das „Volk“, für den „Arbeiter“; geschweige denn die Regierung. Aber ein klein
bischen besser hätte das erste Debüt der sozialdemokratischen Schauspieler in der Rolle
der Arbeiterfreunde doch immerhin vorbereitet werden können. Dieser ganze Entwurf
eines Arbeiterschutzgesetzes war nämlich nur nach berühmten, aber für unsere damaligen
wie späteren Verhältnisse völlig unbrauchbaren Mustern gearbeitet. Der
Entwurf war einfach aus der englischen und schweizerischen Gesetzgebung abgeschrieben
und von den sozialistischen Rednern selbst so wenig verstanden, daß sie samt und sonders
eine und dieselbe Rede darüber hielten, welche Liebknecht ihnen vorher im
„Vorwärts“ zurechtgemacht hatte. Wie wenig diese Arbeiterführer selbst übrigens sich
um ihr eigenes Werk kümmerten, bewiesen sie, indem sie vor dem Abschluß der Beratungen
über diesen Entwurf im Mai auf Nichtwiederkehr aus dem Reichstag zu
ihrem Kongreß nach Gotha reisten. Es genügte ja, daß sie die Blendlaterne ihrer
Arbeiterfreundlichkeit hatten leuchten lassen, und daß im „Vorwärts“ Liebknecht
jeden der „Unwissenheit und Niedertracht“ beschuldigte, der diesen Entwurf etwa nur
„als eine schneidige Waffe der Parteiagitation“ gelten lassen wollte.
Die offene Bühne im Reichstag war alfo nicht der Schauplatz, auf welchem die
Sozialdemokratie sich Ersolge versprach oder solche gewann, wohl aber die offene und
versteckte Verhetzung der ganzen Arbeiterklasse im Deutschen Reiche.
Vor allem galt es, der gedankenlofen Herde, welche sich zum Bewußtsein des
internationalen Kommunismus ausschwingen sollte, die Vaterlandsliebe aus dem Herzen
zu reißen und sie dagegen mit der erhabenen Errungenschaft der Vaterlandslosigkeit
vertraut zu machen. Um das zu erreichen, mußte vor allem das dentsche Vaterland,
Volkstum 2c. in jeder Beziehung geschmäht und herabgewürdigt werden. Das Unternehmen,
die Nußerungen der sozialdemokratischen Presse, Litteratur und Reichstagsreden
über unser Vaterland und Volk (von 1871 bis 1878) zusammenzustellen, hat die
größte Ahnlichkeit mit den unsaubersten menschlichen Arbeiten. Aber auch diese Arbeit
muß gethan sein, und hier soll nur eine kleine Auslese des Ergebnisses geboten werden.
Als unserc ruhmgelrönten Brüder und Söhne aus dem Kriege gegen Frankreich ihren Einzug
in Deutschland hielten, wurden sie von der sozialdemokralischen Presse mit den schmachvollsien
Beschimpfungen begrüßt. Die „Chemnitzer Freie Presse“, eins der verbreilelsten sozialdemokratischen
Blätter damaliger Zeil und Lieblnecht besonders nahe siehend, erschien am Einzugstage
mit Trauerrand und schrieb: „Bürgerl Steckt schwarze Fahnen heraus! Eine Rotle
von Mördern und Mordbrennern hält heute den Einzug in unseren Mauern.“ Das von Liebtnecht
selbst redigierte amtliche Parteiblatt, „Der Volksstaat“, nannte unsere Feldherren „Gurgelabschneider“
und „Landslnechte“, unsere Soldaten,, zweibeinige Tiere, welche Uniform tragen“.
Es riel (1873, Nr. 71, S. 2): „den Orden des Eisernen Kreuzes in der Hosenlasche statt an der
Buusli zu tragen“, und seierte dagegen (1873, Nr. 117 vom 28. November) den Jahrestag der
französischen Mörder und Mordbrenner ans den Tagen der Kommune mit Trauerrand und
den Worten: „Wir sind slolz auf unsere Märtyrer. Wir sind slolz anf unsere Sachel“ In seiner
berüchtigten Schrist „Zu Schutz und Trut“ (1874, 4. Anfl., S. 4) sagle Lieblnecht: „Das
Wort Vaterland, das ihr im Munde führt, hal für uns leinen Zauber. Valerland in eurem
Sinne ist uns ein überwundener Standpunllt, ein reallionärer, kulturfeindlicher Begriss.“ —.,Das