Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

234  Frankreich.  (September  Anf.  18.)

als  die  Brüder  und  Vettern  des  höchsten  Vertreters  des  Despotismus  hinzustellen.
  Nikolaus  II.  hat  dem  Wunsche  unserer  Machthaber  unter  dem
Druck  der  hohen  St.  Petersburger  Finanz  willfahrt,  welcher  vor  allen
Dingen  darum  zu  thun  ist,  zum  Nachteile  des  treuen  Freundes  und
Bundesgenossen  die  Geldsäcke  des  moskowitischen  Staates  zu  füllen  und
diesen  so  vor  dem  Bankerott  zu  retten.  Das  Zentralkomitee  der  sozialistischrevolutionären
  Union  macht  auf  diese  skandalöse  Betrügerei  gusmeerksam,
wodurch  Frankreich  in  der  demütigen  Stellung  erhalten  werden  soll,  in
der  es  sich  schon  seit  zehn  Jahren  befindet.  Und  dies  kurz  nach  den  blutigen
  Straßenkämpfen  in  den  großen  russischen  Städten,  wo  die  Kosaken
Seiner  Majestät  friedliche  und  wehrlose  Volksmassen  mit  Füßen  traten
und  über  den  Haufen  ritten,  niedermordeten,  zu  der  Stunde,  da  Tausende
von  Opfern  in  den  Festungen  des  Reiches  schmachten  und  lange  Züge  von
Märtyrern,  Proletarier  und  Studenten,  Männer,  Weiber  und  Kinder  mit
Peitschenhieben  in  die  Verbannung  getrieben  werden,  aus  der  man  nicht
heimkehrt.  Die  Angehörigen  der  produzierenden  Klasse,  Handwerker  und
Bauern,  werden  sich  durch  die  patriotischen  Schaustellungen,  die  man  vorbereitet,
  nicht  hinters  Licht  führen  lassen;  sie  wissen  zu  gut,  daß  sie,  und
zwar  nur  immer  sie,  die  Rechnung  bezahlen  müssen.  Was  die  organisierten
Sozialisten  betrifft,  die  sich  ihrer  Aufgabe  bewußt  sind,  so  werden  sie  überall
  protestieren,  wo  es  ihnen  möglich  ist:  durch  die  Stimme  ihrer  Erkorenen
  in  den  beratenden  Versammlungen  oder  auch  selbst  in  den  Meetings
  und  bei  öffentlichen  Kundgebungen.  Sie  müssen  angesichts  der
kapitalistischen  Koalition  der  Machthaber  Frankreichs  und  Rußlands  für
die  internationale  Solidarität  des  gesamten  Proletariats  einstehen,  dessen
Glieder  die  russischen  und  französischen  Arbeiter  sind.  Ein,  der  sozialistischrevolutionären
  Union  angehöriger  Abgeordneter  wird  beim  Wiederzusammentritt
  der  Kammern  die  Regierung  über  diese  neue  Aeußerung  des  Servilismus
  zur  Rede  stellen.

Anfang  September.  (Paris.)  Die  Regierung  löst  die  vom
Sultan  zur  Überwachung  der  Jungtürken  in  Paris  unterhaltene
Geheimpolizei  auf  und  weist  ihre  Leiter  aus.

18.  September.  (Dünkirchen.)  Ankunft  des  russischen
Kaiserpaares.

Präsident  Loubet  empfängt  mit  den  Ministern  und  Kammerpräsidenten
  am  Kai  das  Kaiserpaar  und  geleitet  es  zum  Gebäude  der  Handelskammer.
  Bei  dem  hier  folgenden  Frühstück  bringt  der  Präsident  folgenden
Trinkspruch  aus:  „Sire,  im  Namen  Frankreichs,  das  bei  der  Nachricht
von  Ihrem  baldigen  Eintreffen  durch  die  Generalräte,  die  kurz  vorher
gewählt  worden  waren,  seiner  Freude  darüber  Ausdruck  gegeben  hat,  bitte
ich  Eure  Majestät,  unfre  herzlichen  Willkommensgrüße  entgegenzunehmen
bei  diesem  Besuche,  dem,  wie  vor  fünf  Jahren,  die  huldreiche  Gegenwart
Ihrer  Majestät  der  Kaiserin  besonderen  Reiz  verleiht.  Die  französische
Republik  ist  erfreut,  diesen  Beweis  für  den  guten  Eindruck  zu  sehen,  den
Sie  sich  von  Ihrem  ersten  Aufenthalt  bei  uns  bewahrt  haben.  Das  ganze
Land  empfindet  dies  umsomehr,  als  der  neue  Besuch  vornehmlich  der  Armee
und  der  Marine  gilt,  die  beide  der  Gegenstand  seiner  unaufhörlichen  Fürsorge
  sind,  und  als  es  weiß,  daß  durch  diese  beiden  geschützt,  es  mit
Sicherheit  und  Würde  seine  zähe,  fruchtbringende  Arbeit  fortsetzen  kann.
Die  Zurufe  unsrer  Marinemannschaften  auf  Ihrer  Fahrt  sind  die  gleichen,
die  an  allen  Orten  Frankreichs  das  geliebte  Herrscherpaar  der  großen
Nation  grüßen  würden,  die  mit  der  unfrigen  verbunden  ist  durch  gemein-