Das Lombardgeschaͤft
in den verschiedenen
Wirthschaftsgebieten.
120 Der Lombardverkehr.
Von den verschiedenen Gattungen geschäftlicher Unternehmungen, welche die Lombardkredite
der Neichsbank in Anspruch nehmen, waren nach einer am 30. September 1900
aufgenommenen Statistik (vergl. Tab. 59) die Banken und Bankiers in hervorragendem
Maße betheiligt. Schon nach der Stückzahl der Pfandscheine stehen sie an dritter Stelle,
obwohl sie nach der Zahl der überhaupt vorhandenen Betriebe weit hinter allen übrigen
Geschäftszweigen zurückbleiben. Ihre überragende Bedeutung für das Lombardgeschäft
der Reichsbank erhellt aber besonders daraus, daß sie dem Betrage nach von allen
ausstehenden Lombarddarlehnen 40,6 Prozent, also viel mehr und je viel höhere Beträge
als alle übrigen aufzuweisen haben; hierbei ist indessen zu berücksichtigen, daß am
Ouartalstermin die Ansprüche der Banken und Bankiers außergewöhnlichen Umfang
anzunehmen pflegen. Der übrige Handel stellt in diesem Geschäftszweig relativ geringe
Anforderungen, auf ihn entfielen der Zahl nach 30,2, dem Betrage nach nur 16/6 Prozent
aller ausstehenden Lombardforderungen. Noch kleiner sind naturgemäß im Verhältniß
die an Privatpersonen ertheilten Darlehne, die zwar 26½ Prozent aller Pfandscheine,
aber nur 7,2 Prozent des gesammten Darlehnsbetrages aufwiesen. Die Forderungen
an Industrielle und industrielle Gesellschaften stellten mit 12,2 Prozent der Stückzahl
und mit 12,3 Prozent dem Betrage nach den Durchschnitt dar. Sehr groß war die
durchschnittliche Größe der an öffentliche Sparkassen und Genossenschaften ertheilten
einzelnen Darlehne.
Die einzelnen Wirthschaftsgebiete Deutschlands sind am Lombardverkehr der
Reichsbank ziemlich ungleichmäßig betheiligt (vergl. Tab. 61). Eine große Bedeutung hat
derselbe nur in Preußen, insbesondere in den Zentren des Bankwesens, wie Berlin, und in
den überwiegend Landwirthschaft treibenden östlichen und nordöstlichen Provinzen erlangt.
Von sämmtlichen im Jahre 1900 ertheilten Lombarddarlehnen entfielen dem Betrage
nach auf Berlin 12/61 Prozent!), auf ganz Preußen, einige kleinere Staaten mit einbegriffen,
aber 79,1 Prozent. In den industriellen westlichen Provinzen, im Königreiche
Sachsen und in Süddeutschland tritt der Lombardverkehr hinter dem Wechselankauf
ganz zurück, insbesondere ist er bei den in Bayern belegenen Bankanstalten wegen der
dort bestehenden Stempelpflicht der Lombardgeschäfte ganz geringfügig. Auf diese Bankanstalten
fällt noch nicht ½8 Prozent der in jenem Jahre ertheilten Darlehne. Dieser
ungleiche, mit der kommerziellen und industriellen Bedeutung weiter Gebiete im Gegensatz
stehende Stand der Entwickelung bei den einzelnen Bankanstalten bestätigt, daß das
Lombarddarlehn mit der Erzeugung und dem Absatze von Gütern bei Weitem nicht
in dem Maße zusammenhängt wie der Wechsel. Der Lombardkredit der Reichsbank
1) Im Jahre 1880 waren es sogar 44,2 Drozent.