Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

156  Zweites  Buch.  Der  Kampf  um  das  Dasein.

auf  Friedrichs  Veranlassung  dem  Vertrage  noch  nachträglich
(22.  Juli  1764)  ein  zweiter  geheimer  Separatartikel  angefügt,
welcher  die  ihrer  Rechte  beraubten  und  hart  gedrückten  Dissi—
denten  in  Polen  des  Schutzes  der  Verbündeten  versicherte.  Aber
auch  er  bot,  wie  sich  bald  zeigte,  Rußland  nur  eine  Handhabe
mehr,  um  seine  selbstsüchtigen  Zwecke  zu  fördern.  Das  zu  hindern,
  hielt  Friedrich  für  so  unmöglich,  daß  er  der  sächsischen
Kurfürstin-Witwe,  die  bei  ihm  noch  immer  für  ihren  Schwager
warb,  Polens  Unterwerfung  unter  Rußlands  Machtgebot  als
einen  unabwendbaren  Schicksalsschluß  darstellte.  Wie  der  Gott
Abrahams,  Isaaks  und  Jakobs,  meinte  er  scherzend,  Esau  um
sein  Erstgeburtsrecht  habe  bringen  lassen  und  ein  Patriarch,
befragt,  das  einfach  auf  eine  den  Menschen  nicht  erklärbare
göttliche  Vorliebe  zurückgeführt  haben  würde,  so  wolle  Gott
augenscheinlich  auch  nicht  das  zum  Gelingen  der  sächsischen  Entwürfe
  nötige  Erliegen  der  Czartoryskischen  Partei  in  Polen
und  gebe  der  russischen  Kaiserin  ein,  zu  ihrer  Unterstützung
Truppen  nach  Warschau  zu  schicken:  ihren  Schlüssen  unterworfen,
bete  er  die  Vorsehung  an  und  schweige.  Auch  wünschte  er  gar
nicht,  die  polnischen  Dissidenten  völlig  befriedigt  zu  sehen:
dann  hätte  ihre  Auswanderung  nach  Preußen  aufgehört,  die
ihm  zur  Vermehrung  der  Bevölkerung  erwünscht  war.  Daher
wollte  er  auch  nichts  von  Repressalien  wissen,  um  dem  Klerus
und  der  Regierung  Zugeständnisse  zu  ihren  gunsten  abzunötigen.

So  ging  in  Polen  alles  nach  dem  Wunsch  Katharinas.
Am  7.  September  1764  wurde  ihr  schöner  Günstling  Stanislaus
  August  Poniatowski,  der  Großtruchseß  von  Litauen,  zum
König  gewählt.  Weniger  dem  Erwählten  als  Katharina  galten
daher  Friedrichs  Glückwünsche  zu  dem  Triumph  über  die  „stolze
Sarmatenrepublik“.  Er  erstarb  scheinbar  in  Bewunderung  vor
der  Weisheit  der  Zarin,  die  ohne  Anstrengung  und  ohne  Gewaltthätigkeit
  so  Großes  erreicht  habe.  „Gott  sprach,“  schreibt
er  ihr,  „es  werde  Licht,  und  es  ward  Licht.  Bis  zur  Ottomanischen
  Pforte  zwingt  Eure  Majestät  alles  zur  Anerkennung
der  Vortrefflichkeit  Ihres  neuen  Systems:  Sie  sprechen,  Madame,
  und  die  Welt  schweigt  vor  Ihnen.“  Auch  hielt  er  es
für  seine  Pflicht,  sie  von  der  Wut  zu  unterrichten,  die  ihre