884 Schwaben u. Neuburg.
Pauperismus, der in Schwaben eine unbekannte Sache ist, beschuldigen,
noch einen allgemein verbreiteten krankhaften Sexualismus oder zunehmenden
Narkotismus — Ursachen, welchen in anderen Ländern die Zunahme
der Geisteskrankheiten zugeschrieben wird — anklagen. Nur so viel steht
fest, daß Erblichkeit (Familien-Disposition) am häufigsten das ursächliche
(oder doch wenigstens begünstigende) Moment zur Entstehung von Geisteskrankheiten
bildet, und daß die Krankheit ungleich häufiger durch die Frauen,
als durch die Männer übertragen wird. Unter 636 in dem Zeitraume der
letzten zwölf Jahre in der Anstalt Irsee behandelten Geisteskranken des Regierungsbezirkes
Schwaben und Neuburg konnte 222 mal Erblichkeit (direkte
oder indirekte) nachgewiesen werden und zwar kam sie bei 352 Männern
117 mal, bei 284 Frauen 105 mal vor, während überdieß in vielen
Fällen das in Rede stehende Moment als „unbekannt" in die Listen sich verzeichnet
findet, und demnach immer noch bei zahlreichen Kranken wirksam
gewesen sein mag. Wie anderwärts so gehört auch bei uns die größere
Mehrzahl der Irren dem ledigen Stande an. Unter den obenerwähnten
636 Irren der Anstalt Irsee waren 407 ledig und 229 verheirathet oder
verwittibt. Ebenso bestätiget sich auch in Schwaben die allgemeine Erfahrung,
daß die meisten Geisteskrankheiten zwischen dem 20 bis 40sten Lebensjahre
eintreten. Die Vertheilung der Geisteskranken nach den verschiedenen
Gebietstheilen Schwabens ist eine ziemlich gleichmäßige und nur das Gebirgsland
hat eine etwas höhere Ziffer aufzuweisen. ) Außergewöhnliche
Formen von Geistesstörungen finden sich in Schwaben nicht; auffallend ist
jedoch die Wahrnehmung, daß der Wahnsinn mit fortschreitender Lähmung
immer häufiger sich zeigt und daß vorzüglich die Bevölkerung der
Städte hievon befallen wird. Unter den obenangeführten 636 Kranken
der Anstalt Irsee kam diese Form 40 mal zur Beobachtung;
!) Nach den Physikatsberichten und den Tabellen der Anstalt Irsee pro 1860,61
kommen auf 1000 Einwohner Geisteskranke: im Stadtbezirke Lindau 5, in den
Landgerichten Weiler 3,t63, Babenhansen 2.60, Mindelheim 2 " „ im Stadtdezirke
Neuburg a, D. 2⅝/, in den Landgerichten Lindau 28„„ Illertissen 2.1,
Sontbofen 212, im Stadtbezirk Kempten 2t00, in den Landgerichten Kaufbeuren
2 „½:,„ Burgau 2%00, Grönenbach 1,3, im Stadtbezirke Memmingen 1½/6, in den
Landgerichtbezirken Immenstadt 146, Krumbach 1#/ , Buchloe 1/100, Schwabmünchen
1,3, Höchstädt 1,, Wallerstein 168, Günzburg 1,z6, Türkheim 1/#,
Göggingen 1/, Dillingen 114., Neu-Ulm 1,0, Roggenburg 1/31, Ottobeuren
1, Kempten 183„ Zusmarshausen 1, Bissingen 17, Nördlingen 18/00.
In den übrigen Bezirken trifft erst auf mehr als tansend Einwohner ein Geisteskranker.
In der Stadt Kaufbeuren (mit 4385 Einw.) befand sich im Jabre
1860, 61 kein Geisteskranker (7), und die Kreishauptstadt Augsburg zählte nur
41 Geisteskranke (72), welche sämmtliche in der Heilanstalt Irsee untergebracht
waren.