68 Haltung des Königs.
sofort bereit, diesen Gedanken fallen zu lassen; es ist ihm gewiß nicht schwer
geworden, da das Ganze nicht sein, sondern Arnims Plan war.
Auch die auswärtige Politik wurde in dieser Audienz berührt, und zwar
von Max v. Gagern selbst. Dieser ergriff nämlich die Gelegenheit, um dem
Könige zu sagen, daß nach seiner Meinung nur ein großer Krieg gegen Rußland
der neuen Regierung allgemeine Popularität geben und DOeutschland
vor der Auflösung bewahren könne. Oer König war anfangs ganz erstaunt;
als aber Gagern auf seiner Idee beharrte, rief er aus: „Nie und nimmermehr,
bei Gott, werde ich den Degen gegen Rußland ziehen!“
Hier zum erstenmale seit dem ro. März wagte es der König, seine eigene
persönliche Uberzeugung dem Andrängen der entgegengesetzten Wünsche und
Tendenzen klar und scharf entgegenzustellen. Denn hier wurden ebenso sehr
seine politischen Prinzipien berührt, die ihn ja stets auf ein Zusammengehen
mit den konservativen Mächten Rußland und Österreich hingewiesen hatten,
wie seine persönlichen und verwandtschaftlichen Gefühle. Bei dem großen
Respekt, den er stets vor seinem Schwager, dem Zaren, hegte, und bei der
traditionellen Freundschaft, welche seit der Zeit der Befreiungskriege die Höfe
von Berlin und Petersburg verband, mußte er es geradezu als eine persönliche
Beleidigung auffassen, daß man ihm einen Krieg gegen Rußland zumutete,
noch dazu ohne irgendeinen siichhaltigen Grund. Oer tiefe grundsätzliche
Gegensatz, in dem er sich zu dem ganzen Gedankenkreise Gagerns und seiner
Gesinnungsgenossen befand, und den die Minister sich zu überbrücken bemühten,
wurde blitzartig erhellt durch dieses Jwiegespräch. Für den König
war der weit gefährlichere Feind Frankreich und das Prinzip der Revolution,
für Gagern aber Rußland und das Prinzip des Absolutismus. Wenn irgend
ekwas, so mußte gerade diese Zumutung in dem Könige die Uberzeugung
hervorrufen, daß er sich den Bundesgenossen, die sich ihm anboten, nicht anvertrauen
dürfe, ohne zu einem Opfer aller seiner Uberzengungen und der
Interessen seines Landes, wie er sie auffaßte, gezwungen zu werden. Wir
sehen hier deutlich, wie es um den König stand. Er gab nach, soweit es sich
um Dinge handelte, die später anders gedentek oder rückgängig gemacht
werden konnten; aber er wehrte sich auch jetzt verzweifelt, wenn man unwiderrufliche
Tatsachen schaffen wollte, die ihn auch in Jukunft gehindert
hätten, die Bahn zu verlassen, in die er jetzt gedrängt wurde. Er wollte sich
weder als deutschen König bezeichnen noch in einen Krieg gegen Nußland
drängen lassen. Seine Ratgeber mußten spüren, daß er den Kampf auf jede
Er hatte dies schon am 22. früh Arnim gegenüber ausgesprochen (Pastor 220 f.). Ob
Arnim diesen Rat, wie Pastor melnt, gut aufgenommen habe, gehe aus den Quellen nicht
bervor. Seine elgenen Außerungen aus dieser Zelt lassen nicht darauf schlleßen, daß er einen
KXrleg gegen Rußland wirklich gewünscht habe. Vgl. auch Bellage Nr. 2.