230 Drittes Buch. Der Staat des alten Fritz.
herrschte dagegen beim gemeinen Mann, namentlich den bäuer—
lichen Unterthanen. Unter den Fenstern des Schlosses strömten
sie nächster Tage zusammen, um dem freudig begrüßten König
Bittschriften zu überreichen.
Aehnlich verschieden urteilt auch die Nachwelt. Während
die einen in des Königs Eingreifen einen Akt der Willkür und
einen Ausbruch despotischer Laune sehen, meinen die anderen,
daß er nie größer gewesen sei als in jenem Augenblick. Das
Richtige treffen beide nicht. Wohl waren die letzten Beweggründe
Friedrichs die edelsten, und er wollte das Beste. Dennoch
bleibt die That eine schreiende Ungerechtigkeit, mögen auch
das Ungeschick und die Unbedachtsamkeit, womit die beteiligten
Beamten dem gereizten König begegneten, diesen einigermaßen
entschuldigen. Erschwerend fällt andererseits in die Wagschale,
daß es sich Fürst gegenüber nicht um einen plötzlichen Ausbruch
handelte, sondern um die Ausführung eines längst gefaßten
Beschlusses. Danach scheint es sich für den König nicht sowohl
um die Sache gehandelt zu haben, als um das, wozu sie sich
benutzen ließ. Darin liegt eine gewisse Hinterhaltigkeit und
Falschheit. Freilich kam für ihn auch ein großes Prinzip in
Frage. Gegenüber dem formalen Recht, das nach seiner Meinung
die Reichen und Mächtigen begünstigte, berief er sich als
Anwalt der Armen und Schwachen auf Recht und Billigkeit.
Jedenfalls offenbarte sich in diesem Falle, wie stark auch in
ihm der Despot war. In der besten Absicht machte er sich aus
einer vorgefaßten Meinung der schreiendsten Ungerechtigkeit
schuldig und trug zur Verschärfung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher
Gegensätze bei, die er für das Gedeihen seines Staates
möglichst beglichen zu sehen wünschen mußte.
War Fürst auch nicht der Mann, wie Friedrich ihn damals
brauchte, seine langjährigen Dienste hätten ihn vor einer
solchen Behandlung schützen sollen. Sie wird auch dadurch nicht
entschuldigt, daß seinen Platz ein Mann einnahm, wie er dafür
geeigneter nicht gefunden werden konnte. Alles, was der alte
König in der Sorge, abgerufen zu werden, ehe er auch hier
wenigstens einen festen Unterbau geschaffen, noch für die Neform
der preußischen Justiz geleistet hat, knüpft sich an die Namen