Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfundzwanzigster Jahrgang. 1884. (25)

86  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Aug.  Mitte  —28.)

Mitte  August.  (Deutsches  Reich.)  Der  Reichskanzler  unterhandelt
  mit  den  Mächten  über  die  Einberufung  einer  Kongokonferenz
Die  Unterhandlungen  sind  indes  noch  nicht  abgeschlossen.  Die  Frage
ist  inzwischen  durch  die  Ankunft  Stanleys  in  Europa  auch  in  der
öffentlichen  Meinung  stark  in  Fluß  gekommen.

Mitte  August.  (Deutsches  Reich.)  Die  auf  den  September
angesetzten  rheinisch-westfälischen  Kaisermanöver  werden  um  8  Tage
verschoben,  um  für  den  Kaiser  die  Zeit  für  eine  Begegnung  mit
den  Kaisern  von  Oesterreich  und  Rußland  freizuhalten.  Der  Plan
zu  dieser  Begegnung  soll  in  Ischl  entworfen  worden  sein.  Die  Verständigung
  zieht  ich  indes  sehr  in  die  Länge.

17.  August.  (Deutsches  Reich.)  Der  Kongreß  der  Bäckermeister
  Deutschlands  in  Berlin  spricht  sich  gegen  den  Antrag  Ackermann
  betr.  Lehrlinge  und  gegen  obligatorische  Innungen  aus.

21.  August.  (Deutsches  Reich.)  Ein  deutsches  Kriegsschiff
hißt  auch  in  Kamerun  an  der  westafrikanischen  Küste  die  deutsche
Flagge  auf  und  stellt  ein  ziemlich  umfangreiches  Gebiet  unter  den
Schutz  des  deutschen  Reiches.

24.  August.  (Preußen.)  Fortgang  der  polnischen  Agitation
in  Posen,  die  nun  auch  durch  Volksversammlungen  unterstützt  wird.
Die  Forderungen  gehen  auf:  Wiedereinführung  der  geistlichen  Schulaufsicht
  in  den  Volksschulen,  namentlich  beim  Religionsunterrichte;
Wiedereinführung  der  früheren  Anzahl  der  Religionsstunden;  Wiedereinführung
  der  Muttersprache  als  Unterrichtssprache;  Beginn  des
deutschen  Lese-  und  Schreibunterrichtes  bei  den  polnischen  Kindern
erst  dann,  wenn  sie  Polnisch  lesen  und  schreiben  gelernt  haben.

28.  August.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  Statthalter  v.  Manteuffel
  sieht  sich  genötigt,  für  die  Reichslande  eine  ähnliche  strenge
Maßregel  zu  ergreifen,  wie  sie  Preußen  in  Nordschleswig  getroffen  hat.

In  seinem  diesfälligen  Erlaß  sagt  er:  „Die  Zahl  der  im  Reichslande
  wohnenden  National-Franzosen  und  ursprünglich  gültig  optiert  haben
den  Elsaß-Lothringer  ist  fortwährend  gestiegen  und  ihre  Zahl  beläuft  sich
gegenwärtig  schon  auf  14,924  Personen.  Dies  legt  die  Verpflichtung  auf,
die  Zukunft  in  Betracht  zu  ziehen.  Ich  sehe  vorläufig  von  den  696  Personen,
  die  auf  Vorschlag  der  Optantenkommission  als  Ausländer  anerkannt
worden  und  ins  Land  zmrückgekehrt  sind,  ab,  und  fasse  nur  obige  14,924 Individuen
  ins  Auge,  welche  nicht  in  Elsaß-Lothringen  geboren,  oder  welche  
ursprünglich  gültig  optiert  hatten  und  gegenwärtig  im  Reichslande  wohnen.

Diese  bilden  4585  Familienstände.  Sind  nun  in  einer  solchen  Familie  viele
Söhne.  welche  Ausländer  bleiben,  heiraten,  wieder  viel  Sohne  zeugen,  so
würden  sich  im  Reichslande  vollständige  französische  Kolonien  bilden,  mit  der
Zeit  ein  großer  Teil  der  Bewohner  des  Reichslandes  aus  Ausländern  bestehen
  und  der  deutschen  Armee  ein  nicht  unbedentender  Prozentsahz  von  ein-