Metadata : Zu Bismarcks Gedächtnis.

Der  Schöpfer  von  Kaiser  und  Reich.  105

System,  zu  dem  er  sich  einst  entschlossen,  als  die  Krone  selbst  die  Erde
auf  ihren  Sarg  geworfen  hatte,  und  für  das  er  im  Konflikt  rückhaltlos
und  ohne  Rücksficht  eingetreten  war.  Nicht  eine  Macht,  sei  es  Krone
oder  Parlament,  soll  den  Ausschlag  geben,  sondern  zwei  Gewalten  will.
er  haben,  eine  jede  ausgestattet  mit  einer  Summe  entsprechender  Attribute.
Sie  sollen  fortan  auf  einander  angewiesen,  an  einander  geketlet  sein.  Wie
sie  beide  auf  dem  Boden  der  Nation  und  ihrer  Geschichte  stehen,  so
sollen  sie  dieselbe  in  Zukunft  beide  vertreten:  dort  die  althistorischen
Mächte,  die  mit  ihren  Dynastien  verwachsenen  Territorien  und  der  Rest
der  freien  Städte,  hier  der  junge  Riese,  der  sich  mit  gewaltigen  Armen,
wie  seine  Brüder  in  aller  Welt,  Bahn  gebrochen  hatte,  der  Wille  des
Volkes,  genährt  von  allen  Kräften  des  Jahrhunderts  und  vorwärts  getrieben
  durch  das  allmächtige  Schicksal  —  die  harte  Notwendigkeit,  in
dem  Kampf  um  den  Erdball  die  wachsende  Kraft  zu  sammeln  und  zu
erhalten.  Nicht  in  die  Herrschaft  der  einen  über  die  andere,  sondern
gerade  in  das  Ringen  der  Kräfte,  die  sich  aus  dem  nationalen  Schoß
seit  Jahrhunderten  entwickelt  hatten,  in  ihren  Kampf  und  Kompromiß
hat  Bismarck  die  Zukunft  der  Nation  gestellt.  Und  nur  für  die  gewaltigen
  Klammern  hat  er  Sorge  tragen  wollen,  welche  von  der  allgemeinen
  Notwendigkeit  gesordert  wurden  und  die  Grundlagen  unseres
Daseins,  das  Wachstum  und  die  Weltstellung  unseres  Volkes  verbürgen:
die  Einheitlichkeit  der  Waffen,  der  Politik,  des  Rechtes  und  des  Marktes,
und  die  führende  Stellung  der  stärksten  Territorialgewalt  in  dem  Glanz
der  kaiserlichen  Krone.

Ein  stärkerer  Beweis  für  die  Einheitlichkeit  Bismarcks  und  seine
organische  Entwicklung  aus  altpreußischen  Elementen,  als  die  Einfügung
des  radikalsten  Gedankens  in  sein  eigenstes  System,  läßt  sich  nicht  denken.
Auch  sonst  aber  lassen  sich  seine  größten  Thaten  zu  allen  Zeiten  seiner
Herrschaft  aus  dem  preußischen  Staatsgedanken  herleiten.  Nur  dieser
machte  die  Annexionen  möglich  und  führte  den  Untergang  der  norddeutschen
  Staaten  herbei,  welche  die  geographische  Einheit  Preußens
störten.  Und  wie  Bizmarck  hier  für  ganze  Arbeit,  für  „ausgiebige
Tötung“  sein  mußte,  so  brachte  ihn  derselbe  Grundsatz  dahin,  die  Gegner,
auf  die  er  für  den  Neubau  rechnete,  zu  schonen.  Darum  widersetzte  er
sich  in  Nikolsburg  den  partiellen  Annexionswünschen  seines  königlichen
Herren  und  schloß  die  Verträge  mit  den  Südstaaten  und  mit  Osterreich,
welche  ihre  Territorien  unversehrt  ließen  und  damit  allein  die  Möglichkeit
eines  späteren  Zusammenschlusses  mit  dem  Sieger  gewährleisteten:  das
großartigste  Beispiel  für  den  gloriosen  Weitblick  seiner  Staatskunst.