Full text: Die Reichsbank 1876-1900. (1)

Die allgemeine 
wirthschaftliche Lage. 
154 Die Diskontpolitik. 
28 von den 48 Ausweisen eine Ueberdeckung der Notenausgabe auf und diese Baar- 
überdeckung erreichte am 7. Juni 1888 den Betrag von 170,6 Millionen Mark. 
In einzelnen Jahren wurden die Bewegungen des Diskontsatzes durch diese starken 
Fluktuationen beeinflußt; im Allgemeinen jedoch zeigten die Jinssätze der Reichsbank in 
dieser Periode eine große Stabilität (vergl. Tab. 63). Vom 18. Januar 1883 bis zum 
10. März 1885, also während einer Jeit von nahezu 26 Monaten, stand der offizielle 
ODiskontsatz ununterbrochen auf 4 Prozent. Vom 20. Februar bis zum 18. Oktober 1886 
und vom 11. Mai 1887 bis in den September 1888 war der offizielle Satz nur 3 Prozent. 
Mit ihrem Privatsatz (vergl. Tab. 66, 68) ging die Bank 1884 und 1885 oft bis 
auf 3 Prozent, in den Jahren 1886 bis 1888 häufig bis auf 2 Prozent hinab. Die 
Geldflüssigkeit auf dem offenen Markte war zeitweise so groß, daß z. B. im Februar 1886 
der Marktdiskont in Berlin bis auf 1½ Prozent zurückging. Andererseits mußte der 
offizielle Diskontsatz während dieser Jahre zwei Mal bis auf 5 Prozent erhöht werden; 
zuerst im März 1885 wegen der russisch-englischen Verwickelungen und eines damit im 
Zusammenhange stehenden Goldabslusses nach England; dann im Dezember 1886 wegen 
einer enormen Steigerung der Anlage der Reichsbank, die theilweise auf der Besserung 
des Geschäftsganges beruhte, theilweise mit der Inanspruchnahme des internationalen 
Geldmarkts für die damals von den meisten Großmächten fieberhaft betriebenen Rüstungen 
zusammenhing. Das waren jedoch nur kurze Unterbrechungen der im Allgemeinen jene 
Zeit beherrschenden Geldflüssigkeit. 
1888—1890. 
Bereits das Jahr 1887 hatte in England und in den Vereinigten Staaten 
einen entschiedenen Aufschwung der wirthschaftlichen Thätigkeit gebracht. In Deutsch- 
land kam die Besserung der Verhältnisse erst im Laufe des Jahres 1888 voll zum 
Durchbruch, nachdem sich die politischen Befürchtungen der vorhergehenden Jahre gelöst 
hatten. Der Aufschwung entwickelte sich rapid und theilte si ch der ganzen europäischen 
Welt mit. Die lebhafte Nachfrage nach Waaren aller Art und die steigenden Preise 
führten überall zu Betriebserweiterungen. Eine große Anzahl industrieller Unter. 
nehmungen wurde in jener Jeit auf breiterer Grundlage in Aktiengesellschaften umge- 
wandelt und die Neugründung von solchen Gesellschaften nahm einen ungewöhnlichen 
Umfang an. Die Gründungsthätigkeit des Jahres 1889 übertraf in Deutschland die- 
jenige aller Jahre seit 1873. Die Jahl der gegründeten Aktiengesellschaften stieg von 
70 im Jahre 1885 auf 184 im Jahre 1888 und 360 im Jahre 1889. Das 
Kapital dieser Gesellschaften bezifferte sich 1885 auf 53,5 Millionen) 1888 auf